Sonntag, 24. Dezember 2023

Kapitel 24: Erinnerung

   Erst spät in der Nacht erreichten sie ihr Feriendomizil. Cowboy wollte sich auf einen Sessel niederfallen lassen, als er - schon im Sitzen inbegriffen - ein leises, ängstliches "neiiin!" vernahm und in der Bewegung innehielt. Stimmte ja, hier lag noch jemand! Er wollte sich gar nicht ausmalen wie es für das kleine Spielzeug sein musste, so einen riesigen Popo auf sich zukommen zu sehen, ohne sich selber bewegen zu können.
"Entschuldige," brummte er reumütig, "es war keine Absicht."
Das kleine Spielzeugwesen, einen Schneemann, in die Hand nehmend, konnte er sich nun auf den Sessel fallen lassen. Das Schneemännchen noch in der Hand haltend schlief er fast augenblicklich ein.

  "Einen wunderschönen guten Morgäään!" trällerte Rübe von der Treppe her.
Cowboy zuckte zusammen ("Was? Wer? Wo?") und sah sich um. Alles beim alten, nur der Schneemann war fort. Er erschrak zutiefst, sah sich - ganz plötzlich hellwach - überall um. Unter jedem Kissen sah er nach, unter dem Sessel, tastete seine Kleidung ab. Kein Schneemann.
"Falls du den hier suchst -" räusperte Brakalasa sich grinsend, " - den hab' ich heute Morgen in Sicherheit gebracht. Nicht, das er noch schmilzt." Er lachte.
Cowboy brummte und murmelte etwas Unverständliches. Etwas Gutes konnte es nicht gewesen sein, so schief wie er den Mund zog. Doch Cowboy hatte zu großen Hunger, um lange sauer sein zu können, und gesellte sich alsbald zu den anderen an den Frühstückstisch.
"Heute werden wir den kleinen Schneemann glücklich machen," lächelte Pony. "Das wird bestimmt schön!"
Alle stimmten zu. Cowboy tat es fast ein bißchen weh, denn irgendwie hatte er den kleinen Kerl liebgewonnen. Aber es wäre egoistisch, so zu fühlen, und so nickte er sich geistig selber zu, das es noch viel schöner wäre, andere ebenso glücklich zu machen.

Es war keine lange Suche. Seichte Schneeflöckchen rieselten dann und wann hinunter, doch sie lösten sich auf, kaum das sie auf der Erde angekommen waren. Warmer Schnee, dachte Pony noch. Das war selten. Und sehr romantisch, denn man fror nicht und konnte sich trotzdem aneinander kuscheln. Er blinzelte Rübe zu, die allerdings in Gedanken ganz woanders war.
"Es ist ein einfaches Haus. Es ist in der... warte... warte... Momentchen noch... in der Hügelstraße. Hugelstraße. Huggelgasse..."
"Oooch," stöhnte Braka, "in der Hubbelstraße."
"Ja, genau! Sag' ich doch!" rief Rübe begeistert.
Und genau dahin führte sie ihr Weg. Und diesmal konnten sie sogar auf den Schlitten verzichten, was alle froh machte. Denn so langsam taten ihnen die Bobbesje ( = Popos) weh vom vielen Rumgehubbel, Rumgewackel, den Berg rauf- und wieder runterfahren, über jeden noch so kleinen Stein hüpfen... Das ging echt auf's Gesäß. Frohgemut und gut gelaunt hakten sich alle bei dem anderen unter und steuerten auf ihr Ziel zu: die Hubbelgasse, äh, Hubbelstraße.

"Klingeling," rief Braka lachend. "Guten Morgen! Ein Geschenk ist da!"
Cowboy klopfte an die Tür. Drinnen im Haus knarrten die Bodendielen. Ehe die Tür geöffnet wurde, wollte eine Stimme wissen:
"Wer da?"
"Wir haben ein Geschenk für dich! Oder für jemanden, der hier wohnt!"
Eine Frau mit zerwühltem Haar und in einen Bademantel gekleidet zog die Tür nun auf und bat sie herein.
"Sorry," sagte sie, "und guten Morgen. Hier ist es nie aufgeräumt. Die Kinder eben... " Sie lachte.
"Aber, aber, das macht doch gar nichts. Wir wollen ja keine Fotos für ein Einrichtungsmagazin machen," kicherte Cowboy.
"Ähm," sie nahm einen schnellen Schluck aus ihrer Tasse, "ich bin übrigens Leonie. Wer seid ihr?"
Sie ließ sich auf einem Sessel nieder und machte eine einladende Geste, das die Besucher es sich ebenfalls gemütlich machen sollten.
"Ach, wollt ihr was trinken? Kaffee? Tee? Schokolade?"
Dieser Einladung konnten sie nicht widerstehen, und als Leonie gerade mit den Getränken zurückkehrte, konnten die Zwerge aus dem oberen Stockwerk schon leise Rufe nach "Mama" hören. Doch Leonie ließ sich wieder auf ihrem Sessel nieder.
"Heute ist Warri dran," lächelte sie. "Also, was kann ich für euch tun? Ihr sagtet was von Geschenk? Für die Kinder?"
"Ähem, nein," räusperte der Cowboy sich. "Es ist für dich, wie es scheint." Er zückte den kleinen Schneemann aus seiner Jackentasche und überreichte ihn Leonie. Wieso das? Nun ja, die Signale, die das Spielzeug rübergebracht hatte, ganz einfach: es wurde einfach hibbelig, obwohl es sonst ganz ruhig und friedlich war, als es Leonies Stimme zum ersten Mal vernahm.
Wie eingefroren, nein eher wie erstarrt, saß Leonie nun da, als sie den kleinen Schneemann in ihrer Hand hielt.
"Woher...  habt ihr... ihn?" fragte sie, und bedachte die Zwerge der Reihe nach mit einem überwältigten, wie auch gleichzeitig traurigen Blick.
"Wir haben ihn aus einem Automaten - zusammen mit vielen anderen Spielzeugen auch."
Doch Leonies Blick war gedankenverloren. Sie hielt das Schneemännchen sanft in ihrer Hand. Wie in Trance begann sie zu erzählen:

"Als ich das erste Mal verliebt war, da schenkte mir mein Schatz einen Schneemann wie diesen zu unserer Hochzeit. Wir heirateten im Winter, und es war traumhaft schön. Dieser kleine Schneemann hing an unserer Türschwelle, um alle willkommen zu heißen für ein Fest der Erneuerung."
"Was ist das denn, dieses Fest?" fragte Rübe wissbegierig und schämte sich zugleich, Leonie unterbrochen zu haben. Doch diese nahm es ihr nicht krumm, denn mit Leidenschaft fuhr sie fort:
"Andere feierten das Weihnachtsfest, doch für uns war der Winter eine Reinigung. Die Natur, die sich abkühlt und schläft, um Kraft für das neue Jahr zu sammeln. Wir lebten schon immer dort, wo es sehr lange kalt und dunkel ist, umso herrlicher strahlten die Farben an dunklen Tagen und in der Nacht. Alles Positive war willkommen. Und zum Dezember, kurz vor dem neuen Jahr, wurde das Fest der Erneuerung eingeläutet. Altes wurde aussortiert, Negatives losgelassen und in Neues verwandelt. Dieser kleine Schneemann symbolisierte die Vergänglichkeit des Seins, und doch auch den Bestand des Lebens mit allen Facetten: denn ohne das Sterben kann kein neues Leben entstehen."
Leonie trank einen Schluck aus ihrer Tasse, stellte sie auf dem kleinen Tischchen neben dem Sessel ab und sprach weiter.
"Wir waren so glücklich, Eckwalt und ich. Wir bekamen zwei Kinder - Just und Sigri. Doch das Leben ist eben das Leben. Eckwalt verunglückte. Er starb. Und ich war so voll von Trauer, das ich keine Kraft aufbringen konnte, mich um meine Kinder zu kümmern. Naja, schon, aber es fraß mich auf. Ich suchte Hilfe bei einer Agentur für Kindersitting. Da ich zu Hause arbeitete, benötigte ich jemanden für den Haushalt. Und um ein Auge auf meinen beiden Kids zu haben. So lernte ich Warri kennen... und lieben."
Bodendielen knarrten leise, und eine gedrungene, leicht füllige Frau trat ein. 
"Guten Morgen!" begrüßte sie alle und gab Leonie einen sanften Kuss auf die Stirn. "Erzählst du wieder mal unsere Geschichte?" Sie lächelte.
Leonie schüttelte den Kopf und hielt ihr den Schneemann hin.
"Mittlerweile haben wir drei Kinder," fuhr Leonie fort, derweilen sich Warri auf dem Sofa niederließ. "Ich war noch nie so glücklich, in meinem ganzen Leben nicht," und sie lächelte Warri glückerfüllt an. "Aber dieser Schneemann bedeutet mir alles! Er ist das, was das Leben ausmacht. Vergänglichkeit und Beständigkeit... er vereint es. Und er erinnert mich daran, was Liebe ist, woher meine Kinder kommen und wer ich jetzt bin."
Ihr Blick wurde klar, sie betrachtete die Zwerge einen Moment schweigend. Warri streichelte ihr über das Haar.
"Sie hat mir immer wieder von diesem kleinen Schneeman erzählt," sagte Warri und schlürfte ihren Kakao. "Jetzt kann ich es verstehen."
"Noch nicht ganz," lächelte Leonie. "Denn sieh mal!"
Sie hielt das Schneemännchen dicht vor Warris Gesicht, und der Schneemann sagte:
"Guten Tag! Ich bin Schneemännchen Paulchen!"
Seine Stimme klang kräftiger als noch einige Zeit zuvor, als sie noch in der Hütte waren, und dennoch zart und sanft. Ein wenig wässrig, blubbernd fast, doch zärtlich und kraftvoll in einem.
Warri lächelte ganz groß. Sie streichelte vorsichtig mit einem Finger den Kopf des kleinen Schneemanns.
"Endlich ist er wieder bei dir," sagte Warri. "Oh, ich muss los! Die Kids!" Sie lachte laut und sehr herzlich und folgte dem Geschrei der Kinder im oberen Stockwerk. "Komme schon!"
"Das Paulchen jetzt wieder bei mir ist," sagte Leonie und reichte jedem der Zwerge ihre Hände, "ist einfach wundervoll! Ich danke euch von ganzem Herzen!"

Zurück in ihrer Ferienbehausung saßen sie bei einem Punsch im Wohnzimmer.
"Und das war es, oder?" fragte Pony.
"Jaaaaa," sagte Braka gedehnt und etwas nachdenklich, "das war es wohl."
"Ja, leider, irgendwie schade," murmelte Cowboy.
"Also ich fühl' mich irgendwie leer," sagte Rübe traurig.
"Aber hey," merkte Pony an, "immerhin sind jetzt alle glücklich!"
"Ja, stimmt, also ich bin es!" lächelte Brakalasa, und Cowboy nickte zustimmend.
"Jaaaa... " sagte Rübe langgezogen. "Ich bin froh, das wir jetzt noch ein paar Tage einfach Urlaub haben. Und deshalb mache ich erstmal ein Nickerchen."
Oh, oh! dachten die anderen Freunde, wenn eine Rübe ohne ein Häppchen zu Futtern ins Bett geht, dann verheißt das nichts Gutes. Doch was nur tun? Was nur... tun?

2 Kommentare:

  1. Bamm, der Hammer dann noch zum Abschluss am Heiligabend! Bamm. Bamm einfach. 🔨😰 Und doch auch ein Happyend. Das ist schon mal gut. Aber das Kapitel tut auch im Nachhinein weh. Bamm. 😢

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