Samstag, 2. Dezember 2023

Kapitel 2: Eiskalte Schlittenfahrt

 Ein eiskalter Windhauch weckte einige Spielzeuge, die langsam, zum ersten Mal nach vielen Jahren in einen tiefen Schlaf gesunken, die Augen öffneten. Und auch Cowboy, Pony und Rübe erzitterten kurz unter der in die Hütte eindringenden Kälte. Doch einen Zwerg kann so schnell nichts von einem festen Schlaf abhalten... außer der hier: Brakalasa! Mit Schwung trat er in die Ferienhütte ein, nachdem er die Tür weit aufgerissen hatte, und noch im Lauf stellte er seine Kaffeetasse auf einem Tisch ab. Er rief:
"Ich hab' den Baum gefunden! Komm Vögelchen!"
Mit einem Schlag waren alle, ob nun Menschlein oder Spielzeug, hellwach.
"Waaaas?" rief Pony, sich den Schlaf aus den Augen reibend.
"Wie das denn so schnell?" brummte der Cowboy.
"Bin gleich da... " murmelte Rübe, die sich den nächtlichen Sabber vom Kinn wischte und die Frisur in Form brachte.
Das Vögelchen hatte sich schon auf Brakalasas Kopf gesetzt, noch ehe die anderen drei Zwerge sich endlich aus ihrer Bequemlichkeit erhoben hatten. Braka klatschte in die Hände:
"Jetzt auf! Kommt! Oder wollt ihr das verpennen?"
Die Spielzeuge, die auf dem Sofa genächtigt hatten, qurilten und sprangen vor Freude. Einige applaudierten, andere wünschten dem Vogel Glück, Lebewohl und tanzten im Kreis vor Freude.
Rübe, Pony und Cowboy zogen sich schnell ihre Stiefel, Schals, Mützen und dicke Jacken an und folgten Brakalasa nach draußen. Kaum, das sie um die dreißig Meter durch den Schnee gestapft waren, sahen sie ihn: auf einem verschneiten Felsen stand ein kahler, alter Baum, in dem ein Vogelhäuschen hing. Es war so klar ersichtlich, das sie sich alle fragten, wie sie dies am Abend zuvor hatten übersehen können. Aber naja, Schnee drüber.

Das Vögelchen flog zwitschernd zum Baum, der seine Äste zu recken und es aufzufangen schien. Eine Bewegung seiner Äste deutete eine Verbeugung an. Der Vogel kam erneut auf sie zu und flötete:
"Dank an euch, ihr Lieben! Mein Baum ist glücklich! Und ich bin es nun auch! Lebt wohl!" Sein Zwischtern verhallte, als er sich in den Zweigen des Baumes niederließ. Sie sahen noch, wie er sich auf das Dach seines Häuschens setzte und seine Flügel putze, dann kehrten sie nach Hause zu zurück. 

"Okay, wer ist der nächste?" rief Braka, als sie in die Hütte traten. Es herrschte eine rege Betriebsamkeit, alle brabbelten durcheinander, hoben die Hände, Tatzen, Fühler. 
"Ich! Ich! Ich! Ich bin es! Hier! Hier! Ich!"
Rübe zupfte den Jungs an den Ärmeln, um sie zur Seite zu komplimentieren.
"Wir sollten uns aufteilen. Ich meine, jeden Tag ein Kleines nach Hause zu bringen... das ist doch bissi wenig, meint ihr nicht?"
Darin waren sich alle einig. Noch ehe sie eine Abmachung treffen konnten, hob Cowboy die Arme und bat um Ruhe in der Spielzeugmenge.
"Wer von euch weiß denn, wohin er gehört?"
Die Aufregung nahm kein Ende, im Gegenteil: nun sprangen, tanzten, quiekten, riefen und tönten alle wieder durcheinander.
"Nicht so die Idee, oder? Hast du selber gemerkt." Pony grinste.
Rübe trat vor das Sofa und sagte leise:
"Wir sind nur vier Leute. Mit Glück können wir einen oder zwei von euch unterbringen pro Tag. Sprecht euch ab, und wir tun was wir können. Bitte bedenkt, meine Süßen: ihr habt so viele Jahre in diesem verramschten Automaten zugebracht, ist es denn hier nicht wenigstens ein wenig besser? Ihr seid behütet, und das mit Aussicht auf ein baldiges Zuhause bei euren Zugehörigen! So habt ein wenig Geduld und eure Wünsche werden erfüllt!"
Ganz plötzlich war die tosende Menge der Spielzeuge verstummt. Sie sahen einander an, berührten an den Händen, Klauen, Tatzen, Armen und nickten.
"Wie hast du das gemacht, Rübe?" murmelte Cowboy schief.
Rübe zwinkerte ihm zu: "Was bei Drachen funzt, geht hier erst recht."
So konnten die Zwerge sich erstmal einen gemütlichen Snack gönnen und ein wenig durchatmen. So leicht war das nämlich alles gar nicht, und Rübes Vermutung hatte sich bestätigt.

Nachdem ein wenig Ruhe eingekehrt war und die vier gegessen hatten, meldete sich ein kleines, blaues, kuschelweiches Wesen zu Wort. Seine Stimme war dünn, schüchtern, obwohl sein Gesicht sehr freundlich war. Rübe fragte sich, ob sich nun alle Spielzeuge vor ihnen fürchteten? Die beste Ansprache aller Zeiten hatte sie ja nun nicht gerade gegeben.
"Ich kenne mein Zugehöriges. Alle denken es ist groß."
"Groß, ah so," Pony grinste schief. "Weißt du sonst noch was?"
"Kalt. Wo es wohnt ist es kalt."
Die vier Zwerge sahen sich grübelnd an.
"Mit Verlaub," sagte Pony sanft und kniete sich vor dem Sofa nieder, um dem blauen Wesen in die Augen sehen zu können. "Aber hier ist es überall kalt. Was weißt du noch?"
"Nur Berge. Eine Höhle. Und Füße. Mehr weiß ich nicht." 
Die kleine blaue Kreatur klang traurig und enttäuscht.
Rübe nahm das kleine Wesen auf den Arm und drückte es an sich. Sie streichtelte vorsichtig seinen Kopf.
"Nur keine Angst. Schließe die Augen. Denke ganz fest an das, was du weißt. Denke an deinen Zugehörigen und denke nur daran."
Nach einigen Minuten öffnete Rübe die Augen. Sie strahlte. 
"Aufi geht's, Jungs!" rief sie begeistert und sprang auf. "Holt einen Schlitten! Und eine Decke!"
"Ähm, ja, ooookaaay..." sagte Braka. "Warum auch immer."
Cowboy stupste ihn mit dem Ellbogen kopfschüttelnd an, und bedeutete somit, das er diesmal keinen Scherz machen solle. Braka grinste schief.

Der Schlitten war bereit, die vier Freunde saßen darin. Pony konzentrierte sich intensiv, eine Formel aus seinem kleinen Zauberbüchlein wispernd. Der Schlitten schwebte nun einige Zentimeter über dem Boden.
"Jetzt bist du dran, Rübe!" raunte Pony.
Rübe nickte, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Bilder, die sie kurz zuvor von dem kleinen blauen Wesen empfangen hatte. Und der Schlitten setzte sich in Fahrt! Er glitt, über dem Schnee schwebend, dahin, ohne zu ruckeln, zu rutschen oder aus der Bahn zu gleiten.
Braka genoss die Fahrt, auch wenn es steil bergauf ging und nichts außer Schnee und hier und da unbedeckter Felsen zu sehen war. Der Himmel war strahlend blau, ein wunderbarer, klarer Wintermorgen. Er atmete tief durch - herrlich war es! Der Cowboy hielt seine Mütze fest. So ganz war die Winterlandschaft nicht wirklich seins. Auch wenn es für einen Moment wunderschön war, alles so klar und rein, mochte er die Kälte nicht.

"Da!" riefen Rübe und das blaue Wesen wie aus einem Mund. "Da ist es!"
Pony lenkte den Schlitten auf magische Weise in die Richtung, die er von Rübe geistig empfing. Doch - sei es ein kleiner Felsen, ein Stein oder ein hartgefrorenes Stück Eis gewesen - plötzlich schlingerten sie. Geistesgegenwärtig schnappten Cowboy und Brakalasa die Arme der anderen, damit sie nicht aus dem Schlitten fielen.
"AAAAHHH!"
"WHOOOOOAAAA!"
"NEEEEEIIIIIN!"
"AUTSCH, MEIN BOBBES!" riefen sie alle durcheinander.
Das blaue Wesen hielt sich an Rübes Schal fest, um nicht im Wirbel des heftigen Windstoßes fortzuwehen, den das Schlingern verursachte. Dann - zack! - hielt der Schlitten inne; er blieb mit einem zackigen Ruck stehen. Sie wurden alle in alle mögliche Richtungen aus ihrem Reisegefährt geschleudert und landeten im Schnee. Nachdem sie sich einige Sekunden lang gesammelt hatten, konnten sie sehen, warum sie aus der Bahn geworfen worden waren: sie waren in ein - zwar nicht sehr tiefes - aber ausgedehntes Loch gerutscht. Während die vier Zwerge die riesigen Ausmaße der Grube erkundeten, sprang das blaue Wesen vor Freude auf und ab:
"Wir sind nah! Ganz nah sind wir! Fast schon da! Fast schon da!"
"Wir müssen den Schlitten erstmal nach oben bewegen," sagte Cowboy mit einer Geste seiner Hand, die nach oben deutete, auf die Schneefläche.
Sie nahmen alle wieder im Schlitten Platz, und Pony manövrierte sie aus der Grube. Je höher sie stiegen, desto klarer konnten sie die Konturen dessen erkennen, worin sie abgestürzt waren: ein riesiger, ein enormer, ein monströser Fußabdruck!
"Wir sind fast da! Fast da!" rief das Wesen wieder voller Freude und hüpfte in Rübes Schoß auf und ab.
"Au weia," merkte Braka an, "mir schwant nichts Gutes!"
Cowboy stimmte brummend kopfnickend zu.


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