Donnerstag, 30. November 2023

Prolog: Rufe

 
  Der Winter hat sich über das wardrobianische Land gelegt, und es frostet zuweilen. Die Stuben sind kuschelig warm, die Dörfer festlich dekoriert, die Tiere opulent versorgt, und einige Drachen haben sich in wärmere Gefilde zurückgezogen. Doch werfen wir einen Blick auf Klein-Biberede. Wie geht es den Bewohnern hier? 

  An sich - so auf den ersten Blick - ist es winterlich. Kalt. Eisig kalt. Die Bäume tragen dicke, gefrorene Tropfen, die von den Zweigen herabhängen. All die Tiere und magische Wesen haben ausgepolsterte Unterkünfte, und das Dorf glitzert und glänzt und strahlt in buntem, wärmenden Licht. Alle sind dick eingepackt (dank Old Cowboys Strickwaren), und es gibt weder kalte Füße noch frostige Nasen. Oh, da sehe ich am Dorfbaum eine kleine Versammlung. Wollen wir mal lauschen gehen? Und ich schalte mich jetzt off, damit ihr ganz ungestört der Geschichte folgen könnt!

  "Alle sind versogrt," sagte Rübe, "und ich denke, wir könnten uns jetzt mal einen kleinen Urlaub gönnen."
Brakalasa nickte. "Ich habe alle mit Mixturen verwöhnt. Da brauchen wir keine Angst haben, das jemand krank wird."
"Und ich," warf Cowboy ein, "habe mit meinen exquisiten Strickwaren und besonderen Pflanzen dafür gesorgt, das niemand friert oder Hunger leiden muss."
Pony trat von einem Fuß auf den anderen. Die anderen sahen ihn - teils mit hochgezogenen Augenbrauen, teils fragend - an. "Und du so?" wollten sie wissen.
"Ich," sagte Pony ein wenig eingeschüchtert, "habe ihre Behausungen hübsch verzaubert. Und... und Leckerlis für alle gehext..."
Alle lachten und waren sich einig, das alles mehr als im grünen Bereich war, um einen kleine Auszeit vom Dorfleben zu nehmen.

  Und so fuhren sie nach Wassuwill, einem sehr kleinen Örtchen in den Bergen. Abgeschieden war es, man könnte fast schon sagen etwas isoliert. Die umgebenden Dörfer waren belebt, und oftmals kamen Besucher in das beschauliche Städtchen, um hier zu entspannen, gut zu essen oder einfach mal Luft zu holen vom Alltagsstress. Denn hier gab es jedwede Möglichkeit zur Entspannung und Regeneration: kuschelige Hütten, beheizte Pools, Freizeitangebote - wie etwa Skilaufen, Schneewandern, Schneemannballschlachten, Mini-Kinos für bis zu zehn Personen, Rennschlittenrennen - ein hervorragendes Restaurant für Gourmets, abgeschiedene Orte für lauschige Stunden... Dieser Ort hatte so einiges zu bieten!
 

  Als die vier in ihrer Hütte ankamen, waren sie nicht wirklich erpicht, den Abend hier zu verbringen, geschweige denn ihr Gepäck auszupacken. So schön und kuschelig die Hütte auch war, sie hatten allesamt einen Bärenhunger! Sie wollten einfach direkt den erlesenen Gaumenfreuden frönen und das vielebesagte Restaurant des Dorfes aufsuchen.
Und so fraßen (räusper) futterten sie sich durch die zwar kleine, aber ausgewählte Speisekarte, probierten hiervon, davon und naschten bei den anderen mit. Also untereinander, nicht bei anderen, ihnen fremden Gästen. Schließlich waren ihre Bäuchlein voll. Kaum ein Nachtisch wollte noch mehr passen, aber sie aßen weiter. Eine kleine Völlerei, ein Futtergelage, könnte man es nennen, was sie jetzt noch betrieben. 
Und so war es schwer - denn alles war schwer: die Beine, der Kopf, die Arme, die Bäuche - so das kaum ein Fuß mehr vor den anderen passen wollte, als sie sich auf den Nachhauseweg machten. Sie hatten kaum noch Luft, um zu lachen, als sie auf dem Weg scherzten, das sie sich überfressen hatten. Rübe hakte sich bei Braka ein, der sich wiederum bei Cowboy unterhakte, der Pony den Arm bot, sich ebenfalls einzuhaken. Und so wankten sie mehr denn sie gingen Richtung ihrer winterlichen Urlaubsunterkunft.



  "Hilfe! Helft uns! Könnt ihr uns hören? Hallo! Hilfe! Wir sind hier! Hilfe!"

Die vier Vollgefressenen hielten ruckartig inne. Cowboy hätte es fast aus der Kette gerissen, als er noch einen Schritt weiterlief. 
"Habt ihr das auch gehört?" wollte Rübe wissen.
"Aber sicher doch!" raunte Brakalasa.
"Japp," antwortete Pony, "seltsame Stimmen."
Der alte Cowboy nickte nur, leise brummend.
"Stimmen. Irgendwo waren Stimmen. Aber wenn ihr sie gehört habt, dann können es keine Drachen sein." Rübes Stirn lag in Falten vor Nachdenklichkeit.
"Wir folgen dem Ruf," sagte Pony ernst. "Ich höre sie noch immer. Hier lang!"
Da sie alle noch ineinander gehakt waren, zog Pony sie in eine Richtung und sie folgten. Rübe schließlich löste sich als erste aus der Formation und ging eiligen Schrittes voran. Es war so, als zöge es sie geradezu in eine Richtung.
"Hier lang! Sie werden lauter!" rief sie. "Kommt, schnell!"
Nun lösten sich auch die anderen aus ihrer Unterhakung und folgten eilig.
Eine Weile liefen sie einfach den Stimmen nach, die stets ein bisschen lauter wurden, bis sie ganz klar zu vernehmen waren. Doch sie standen nun in einer Sackgasse. Am Ende, vor der abschließenden Mauer, stand ein Container.
"Hallo! Hallo ihr!" sagten die Stimmen.
"Ja, hallo," brummte der Cowboy. "Wer spricht denn da?"
"Wir!" riefen die Stimmen, nun deutlich aufgeregt. "Wir sind es!"
"Wo seid ihr denn?" fragte Braka.
"Direkt hier! Wir sind hier drin!"
"Im Container?" Pony kratzte sich am Kopf.
"Nein! Dahinter!"
Die vier kleinen Menschlein schoben mit vereinten Kräften den sperrigen Müllcontainer beiseite. Und nun, obwohl es stockduster war, sahen sie die Quelle der Stimmen: in dem Automaten schwebten kleine Tierchen. Stofftierchen. Und Figuren. Spielzeuge. 
"Ein Spielzeugautomat!" hauchte Pony verzückt.
"Wieso habt ihr uns gerufen? Wieso konnten wir euch hören? Wer seid ihr? Was wollt ihr von uns?" fragten alle vier durcheinander.
"Wir sind Spielzeuge, die niemanden haben, der uns liebt. Aber wir gehören zu jemandem. Und diesen Zugehörigen wollen wir finden. Könnt ihr uns helfen?" 
Obwohl die Stimmen alle durcheinander waren - mal ein wenig piepsig, mal einen hohlen Klang hatten, mal nuschelig oder murmelig klangen, mal schrill, tief oder flüsternd - konnte man sie, alle zusammen genommen, ganz klar verstehen. Als würden sich viele einzelne Stimmen zu einer einzigen vereinen.
"Wir würden euch gerne helfen, aber warum habt ihr uns gerufen?"
"Wir sind magisch! Magisch... magisch..." Ein Echo entstand aus all den vielen unterschiedlichen Stimmen, das es fast unheimlich wirkte - aber ebenso bezaubernd.
Pony hatte große Augen, denn sowas liebte er über alles! Das hatte ja schon fast von Halloween!
"Ihr könnt uns hören, weil ihr auch magische Wesen seid!"
Cowboy kratze sich am Kinn und zog eine Augebraue hoch, als denke er angestrengt nach. Braka machte ein Gesicht, als wisse er nicht so recht, ob das wirklich wahr sein könnte, oder ob es lediglich aus seiner Überfressung herrührte. Rübe nickte, denn für sie war alles logisch.
"Okay. Wir helfen euch. Was müssen wir tun?"
Die schwebenden Gestalten wirbelten wild durcheinander und formierten sich zu einer kleinen Gruppe, die sie nun direkt ansah. Zugegeben, das wirkte tatsächlich gruselig.
"Holt uns hier raus und bringt uns zu unseren Zugehörigen."
Rübe hüstelte demostrativ, denn das klang ja weitaus leichter, als es wohl sein würde. Und damit sollte sie Recht behalten.
"Wie soll das gehen?"
"Holt uns hier raus! Jeder von uns kann spüren, wohin er gehört. Nur diejenigen, zu denen wir gehören, können uns hören. Findet sie, und wir können endlich glücklich sein!"
Die Vier wandten sich ab, nachdem Braka einen leicht unauffäligen Fingerzeig weg des Automaten gab. Sie gingen um die Ecke, und noch währen die Rufe der Spielzeuge zu hören waren ("Nein! Geht nicht weg! Bitte helft uns!"), berieten sie sich.
"Sollen wir das wirklich machen?" wollte Brakalasa wissen. "Ich meine, die könnten ja verflucht sein."
Pony lachte: "Nein, das sind sie nicht, das spüre ich. Aber witzig, das du es sagst."
Cowboy war skeptisch und brummte nur in gewohnter Weise. "Hmmm, aber wenn sie wirklich unsere Hilfe brauchen, können wir ihnen das nicht abschlagen."
"So sehe ich es auch. Wir helfen. Punkt," sagte Rübe resolut. "Hey, es ist fast Weihnachten! Wir können keine Hilfe verweigern. Zur Not erleben wir eben ein Halloween Zwei Punkt Null."
So kehrten sie zum Automaten zurück. Die Spielzeuge begannen nun wieder zu schweben.
"Wie bekommen wir euch denn da raus? Wir können ja schlecht die Scheibe einschlagen. Also Randale im Ferienort geht gar nicht!" merkte Brakalasa an.
"Ihr müsst Münzen einwerfen. Dann den Automaten bedienen und jeden einzelnen von uns herausfischen."
Spitzen Antwort! Alle seufzten. Ein tiefes Seufzen. Vor allem das von Braka, das ein klitzeklein wenig genervt klang. Denn er wusste, wer das Spielzeugfischen würde übernehmen müssen: er. 
"Also," sagte er, "her mit eurem Kleingeld. Ich mach' das mal."

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