Donnerstag, 7. Dezember 2023

Kapitel 7: Zwei Griesgrame und ein Schaukelstuhl

  Der Wald wurde nicht lichter, je weiter sie vordrangen. Pony entzündete wieder einen Leuchtzauber, denn es war stellenweise stockfinster. Rübe folgte weiterhin dem Ruf, den nur sie vernehmen konnte. Der immerzu brummige Teddy auf ihrem Arm begann zu glimmen. Nicht der ganze Bär, lediglich seine Augen enthielten eine stärker werde Glut. Auch sein Maulen, das unaufhörlich zu vernehmen war - ebenfalls nur für Rübe, da der Bär es nicht aussprach, sondern seine Gefühle mit Bildern übermittelte - ließ nach und schien sich nun, Meter um Meter den sie zurücklegten, in etwas Positives zu formen.
"Da hinten! Da, seht mal!" sagte Cowboy und blieb stehen. "Das könnte eine Höhle sein."
Zwischen all den Bäumen konnten sie etwas noch Dunkleres ausmachen, noch dunkler als die Dunkelheit, die sie sowieso schon umgab. 
"Sieht unheimlich aus," flüsterte Braka, der sich einen Pilz in die Tasche steckte, den er eben zufällig an einem liegenden Baumstamm entdeckt hatte.
Pony vollführte eine geschickte Geste mit seiner Hand, murmelte ein paar unverständliche Worte, und wie bei einem Kartenzaubertrick stoben weißglitzernde Funken aus seiner Handfläche, die Richtung des dunklen Flecks davon zischten. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, explodierten sie wie ein Feuerwerk und beleuchteten für eine Sekunde die Umgebung.
"Ein Fels ist es auf jeden Fall," nickte Cowboy. "Also los."
Es handelte sich tatsächlich um eine Höhle. Doch die Finsternis war undurchdringlich.
"Hallo da drin!" rief Rübe. "Hallo, jemand zu Hause?"
Sie verharrten vor dem Höhleneingang. Noch ehe Pony erneut einen Funkenzauber aussenden konnte, ertrönte ein heiseres Knurren. Erst war es noch entfernt, doch es kam rasch näher. Sehen konnten sie nichts, aber so gar nichts.
"Was wollt ihr Gesinde?" knurrte die Stimme. Außer einem Paar leuchtender, glühender Augen konnten sie nichts erkennen.
"Ähm, hallo erstmal," sagte Braka. 
"Und wir sind kein Gesinde," maulte Cowboy. "Unverschämt!"
Dann ergriff der mürrische Teddybär das Wort, und das war wohl auch besser so.
"Wir kennen uns nich', aber hier gehöre ich hin. Zu dir."
Keine Antwort außer einem erneuten knurrenden Laut. Dann schoss eine zottige Gestalt mit einem Sprung aus der Höhle hervor. Die Zwerge sprangen erschrocken zur Seite.
"Praul? Praul bist du es wirklich?" knurrte das Zottelvieh, das sich als riesiger Wolf entpuppte.
"Sascha!" brummte der Teddy zurück. "Endlich bin ich bei dir!"
Er sprang von Rübes Arm, lief ungelenk auf seinen Stoffbeinen auf den Wolf zu, kletterte auf seinen Rücken und vergrub seine Tatzen in dessen Fell. Dann drehten die beiden sich um und gingen in die Höhle.
"Ähem," räusperten die Zwerge sich, die den beiden verdattert nachsahen.
"Ach so, stimmt," der Wolf wandte sich ihnen wieder zu. "Danke."
"Macht's gut!" rief Praul, der wohl mürrischste Teddybär aller Zeiten, und lachte.
"Sowas," katzte Cowboy sich am Kinn.
"In echt jetzt?!" rief Pony leise und etwas angekratzt.
Rübe und Braka seufzten, sahen sich schulterzuckend an, und liefen Richtung Schlitten. Jedenfalls hofften sie das.

  Sie waren wieder unterwegs. Und das nach nur einer kleinen Stärkung. Nur ganz kurz einen Happs genommen. Nach dem seltsamen Erlebnis mit den zwei eigenbrötlerischen Figuren hofften sie, nun wieder eine kleine Aufmunterung erleben zu können.
Sie steckten die Matruschka in den Rucksack, und Rübe leitete die kleine Gruppe... zum Schlitten. Pony stöhnte, Cowboy seufzte, und Braka grinste.
"Also, wohin geht's diesmal?" wollte Pony wissen und machte sich schon bereit, den Schlitten erneut mithilfe seiner Magie zum Schweben zu bringen.
"Einen Ort weiter, wie es scheint. Jedenfalls in ein Dorf. Nicht dieses."
"Kannst du denn was sehen?"
Rübe nichte eifrig.
"Eine ganze Menge. Lasst uns also keine Zeit verlieren!"
Gesagt, getan, und so erhob sich der Schlitten, diesmal fast gänzlich ohne Wackeln oder Ruckeln. Flugs schwebten sie seicht über dem schneebedeckten Boden dahin, bis sie das nächstgelegene Dörfchen erreichten. Auf den ersten Blick unterschied es sich kaum vom dem Ferienort, in dem sie derzeit residierten. Ha, ha, soweit man das so nennen konnte.
"Es ist ein altes Haus. Aus Stein. Ich sehe einen Mann in einem Schaukelstuhl."
"Er heißt," sagte die größte Matruschka, und eine kleinere vollendete, "Hermann."
"Kennst du einen weiteren Namen?" fragte Cowboy. "Einen Nachnamen?"
Die Matruschka schwieg kompfschüttelnd.
"Also Hermann im Schaukelstuhl. Dann auf zur fröhlichen Suche!" brummte Cowboy.
Die Zwerge teilten sich in alle Richtungen auf. Jeder, den sie auf ihrer Suche trafen, wurde befragt.
"Kennst du einen Hermann? Er wohnt hier und sitzt in einem Schaukelstuhl."
"Kennen sie einen Hermann mit einem Schaukelstuhl?"
"Schon mal von Hermann im Schaukelstuhl gehört?"
"Hermann suche ich, Hermann im Schaukelstuhl. Sagt dir das was?"
Von der Matruschkapuppe kam nichts mehr. Kein Hinweis. Nach einiger Zeit - sie hatten das ganze Dorf abgesucht - trafen sie sich erneut am Schlitten.
"Nichts," war das Ergebnis, das Braka nun laut kundtat.
"Lasst uns essen gehen, und wir beraten, wie wir weiter vorgehen können."
Das hielten alle für eine gute Idee. Die Matruschka schloss die Augen und döste.

Nach einem vorzüglichen Imbiss in einer kleiner Pizzeria, einer guten Flasche Wein und ein wenig Wärme, liefen die Köpfe der Zwerge wieder besser. Und auch Matruschkas Nickerchen schien erklecklich gewesen zu sein, denn als sie die Augen öffnete, lächelte sie und sagte leise:
"Hermann war ein Kind. Jetzt ist er alt. Altes Haus. Kugel an der Tür. Außerhalb lebt er."
Die Vielstimmigkeit der Matruschka war ebenso verwirrend wie bezaubernd.
Die Freunde ließen sich noch eine extra große Pizza wie auch ein paar Kekse und etliche Stücke Kuchen einpacken, und machten sich erneut im Schlitten auf die Suche.
Sie mussten nicht lange fahren, als sie, ein wenig abseits des Dorfes, ein verschrobenes, leicht baufällig wirkendes Haus entdeckten. Das sah doch alt aus. Es gab keine Klingel, jedoch einen altmodischen Türklopfer in der Form einer - mittlerweile verblassten - goldenen Kugel. 
"Na, wenn das nicht was ist!" sagte Pony grinsend und pochte.
Sie warteten einige Minuten, doch nichts tat sich. Pony klopfte erneut.
"Guten Abend!" rief Braka, "wir haben ein Geschenk für Sie!"
Keine Antwort. Erneutes Pochen an der Tür.
Wieder warteten sie einige Minuten. Langsam wurde ihnen wieder richtig kalt.
Dann, ganz unerwartet, ging die Laterne neben der Tür an. Sie hörten das leise Knarren von Dielenbrettern. Leise rief eine dünne Stimme:
"Einen Moment! Ich bin gleich da!"
Nochmals verstrichen einige Minuten. Schließlich öffnete sich, wie in Zeitlupe, die Tür. Ein sehr altes, sehr runzliges, kleines Gesicht mit großen Augen sah sie lächelnd an.
"Ihr seid nicht von hier," sagte das Stimmchen, das zu einem gebeugten Männchen gehörte. "Sonst wüsstet ihr, das die Tür immer offen ist und jeder eintreten kann." Der alte Mann gluckste leise. Die Tür wurde weiter geöffnet.
"Tretet ein, ihr Lieben, tretet ein. Das Feuer müsste entfacht werden, es ist ganz schön kalt, nicht wahr. Ich habe nur kurz ein Nickerchen gemacht... so ein oder zwei Stündchen. Da ist es ausgegangen."
Schritt, Stehenbleiben, Schritt, Stehenbleiben, Schritt... so folgten sie dem gebeugten Männchen, das sich auf einen Stock stützte. Als sie das Wohnzimmer erreichten, kümmerte Cowboy sich direkt um das Feuer, das er rasch zum lodern brachte. Er wärmte sich die Hände.
"Hallo und guten Abend," sagte Rübe, und der kleine Mann erwiderte den Gruß lächelnd.
"Wollt ihr Tee?" fragte er mit leuchtenden Augen. "Ich hatte schon so lange keinen Besuch mehr. Und es ist doch so kalt. Sich ein wenig aufwärmen kann nicht schaden, nicht wahr."
"Wenn Sie mir sagen, wo die Küche ist..." sagte Brakalasa lächelnd. 
Der Mann deutete mit seinem Stock zur Tür, die am Ende des Zimmers lag, und ließ sich langsam in einem Schaukelstuhl nieder.
"Wir haben Kekse. Falls Sie welche möchten?" sagte Cowboy und bedeutete Rübe, die Kekse aus dem Rucksack zu holen.
"Das ist aber nett von euch, sehr nett, nicht wahr. Ich bekomme ja kaum noch Besuch. Es ist schon lange her, nicht wahr."
Als Tee und Kekse aufgetischt waren, wurde die Stube nun auch wieder mollig warm. Ohne Gefahr konnten die Zwerge nun die Jacken und Pullis ausziehen.
"Heißen Sie Hermann?" fragte nun Braka.
"Aber ja doch, immer schon, nicht wahr," lächelte das Männlein, das seicht und sehr, sehr langsam in seinem Stuhl wippte. "Und wer seid ihr denn ihr? Und was führt euch zu mir?"
Die vier stellen sich vor. Cowboy wollte wissen, ob er denn irgendetwas vermissen würde.
Hermann wippte im Schaukelstuhl und nickte. 
"Als ich ein Kind war wohnte ich schon hier. Ich bin hier geboren und wuchs hier auf, nicht wahr. Zu einem Weihnachtsfest schenkte meine liebste Tante mir eine Puppe. Sie war magisch für mich, nicht wahr. Sie brachte viele kleine Püppchen mit, die immer kleiner und kleiner wurden. Ich habe ihren Namen schon lange vergessen, aber die Puppe selber vergaß ich nie, nicht wahr. Mein Leben lang habe ich immer wieder an sie gedacht."
"Warum war sie so etwas Besonderes für dich, Hermann?" fragte Brakalasa und nippte an seinem Tee. Ein guter Tee, reich an Kräutern und kräftig. Genau richtig für so einen kalten Winterabend.
Hermann hob seinen Stock und deutete auf die Wände des Wohnzimmers.
"Auf den Fotografien wird eine kleine Geschichte erzählt, nicht wahr. Vielleicht beantwortet das ein paar eurer Fragen." Er lächelte und schloss die Augen. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck inneren Friedens an.
Die Vier besahen sich die Bilder über dem Kamin. Als Hermann noch ein Baby war, ein Kleinkind, ein kleiner Junge, da waren seine Eltern immer um ihn herum. Auf vielen Fotos war er mit seiner Mutter, auf ebenso vielen mit seinem Vater. Dann, er musste um die fünf oder sechs Jahre gewesen sein, war er alleine auf vielen Bildern. Schließlich - diese Bilder hingen an der Wand neben dem Kamin - war er mit einer fein wirkenden Dame zu sehen, die ihn herzte und immer um ihn herum zu sehen war. Es waren Fotos von Hermann, wie er Torte bekam, wie er Eis aß, wie er im Bett lag, wie er zur Schule ging, wie er mit ihr am Tisch beim Essen saß, wie er ein Buch las... und älter wurde. Das letzte Bild schien gemacht worden zu sein, da war er ungefähr zwanzig Jahre jung.
"Was ist mit deinen Eltern passiert?" frage Rübe sanft und zog einen Sessel neben Hermanns Schaukelstuhl.
"Sie starben. Es war ein besonders kalter Winter, nicht wahr, und wir hatten kein Geld. Vati ging hinaus, er wollte Holz hacken. Ein Eissturm brach los, nicht wahr, und er kehrte nicht mehr zurück. Mutti starb an einer Lungenentzündung. Fortan kümmerte sich meine liebe Tante um mich, nicht wahr, Tante Marga. Sie war großherzig, aber eigentlich viel zu fein für diese Gegend, nicht wahr. Doch ihr Reichtum ermöglichte mir ein angenehmes Leben, uns beiden, nicht wahr."
"Und ihr Geschenk, das Püppchen?" fragte Cowboy. "Ich sehe es auf keinem der Bilder."
Hermann deutete mit dem Stock auf eine Kommode. Hier fand Cowboy eine ganze Menge Fotoalben, und als sie die Alben durchstöberten, entdeckten sie auf fast allen Bildern die Matruschkapuppe.
"Was ist aus der Puppe geworden?" schloss Braka das letzte Fotoalbum, in dem die Matruschka nicht mehr zu sehen war.
Hermanns leicht zitternde Hand griff nach einem Keks. Er lächelte die kleinen Fremden der Reihe nach an.
"Ich studierte, nicht wahr, studierte die Philosophie. Meine Puppe war immer bei mir. Sie halfen mir, mich zu konzentrieren, nicht wahr, und sie erinnerten mich immer an zu Hause. Ein Teil meiner lieben Tante war immer bei mir, nicht wahr.  Doch ein Streich meiner Kommilitonen ließ sie für immer verschwinden. Und als Tante Marga starb war ich endgültig allein, nicht wahr..." Er seufzte tief.
"Wir wollen dich nicht länger auf die Folter spannen," lächelte Rübe, streichelte Hermanns runzlige Hand, und zog die Matruschka aus dem Rucksack. Der alte, kleine Mann erhob sich, nahm die Puppe in den Arm und lächelte die Zwerge an.
"Ich wusste doch schon längst, das sie wieder bei mir ist, nicht wahr. Euch sei Dank, der ganze Dank meines Herzens!"
Sie saßen noch eine Weile beisammen, tranken einen wärmend-belebenden Kräutertee, naschten Kekse und sahen die Fotoalben des kleinen Hermann-Männleins an. Schließlich war es später Abend und sie brachen nach Hause auf. Als sie zur Tür gingen, hörten sie den kleinen, alten Mann leise mit der Matruschka sprechen.

Die Pizza, die sie sich zu Hause warm machten, schmeckte jetzt besonders gut.

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