"Tolle Neuigkeiten!" begrüßte Rübe ihre kleinen Männer, als sie sich ihnen zum Frühstück anschloss.
"Soooo?" sagte Cowboy langgezogen und hob eine Augenbraue.
"Heute werden wir mal zwei Spielzeugen ein neues Zuhause bescheren. Ist das nicht toll?"
Mampfend und schlurfend, schmatzend und murmelnd stimmten ihr alle zu.
Rübe hatte etwas mehr Jubel erwartet, aber naja, es war noch früh, und alle waren Morgenmuffel. Meistens jedenfalls.
Zwei Spielzeug-Freunde - ein Teddybär mit Hut und ein Püppchen mit einem Einhorn-Horn - wollten sie heute zu ihren Zugehörigen bringen. Zuerst folgten sie den Anweisungen des Teddys. Er war so brummig, das keiner widersprechen wollte. Das neue Zuhause ausfindig zu machen war nicht schwer. Das Haus lag etwas außerhalb von Wassuwill, Schnee türmte sich um das Anwesen herum, als wäre hier lange niemand mehr vor die Tür gegangen. Mit dem Schlitten konnten sie nicht mal den Weg zum Haus passieren, also war Beinarbeit angesagt. Die vier kämpften sich mit ihren kurzen Beinchen den Weg zum Haus frei. Braka drohte in einem der Schneehaufen zu versinken ("Aaaahhh!"), und Pony und Cowboy zogen ihn an seinen Armen wieder heraus. Rübe schwamm mehr durch den Schnee als das sie lief. Alles in allem war es eine ermüdende und sehr auslaugende Angelegenheit.
"Was kann ich für euch tun?" fragte die junge Frau. "Ihr müsst ja ganz durchgefroren sein. Kommt erstmal rein." Ihre einladende Geste wies direkt in das Wohnzimmer. Hier flackerte ein munteres Feuer im Kamin, und es war heimelig warm und gemütlich.
"Wir haben hier jemanden, der unbedingt zu dir möchte!" strahlte Rübe nun die junge Frau an, und zog den Teddybär aus Ponys Rucksack. Doch der Teddy schüttelte den Kopf.
"Das falsche Mädchen!" murrte das Bärchen.
"Falsch? Wie jetzt falsch?" rief Cowboy leise aus und rieb seine schmerzenden Beine.
"Kleines Mädchen!" sagte der Teddy. "Ich muss zu kleinem Mädchen. Mit Zopf."
"Wohnt hier ein kleines Mädchen mit einem Zopf?" wandte Rübe sich an die junge Frau, die sie eingelassen hatte.
"Ihr meint bestimmt die Zwillinge. Sie haben beide Zöpfe." Die Frau lachte. "Einen Moment bitte." Sie bedeutete den Kleinen mit einer Geste, es sich gemütlich zu machen. Sie verließ das Zimmer. Man hörte sie hinten im Haus rufen: "Lucy! Alice!"
Es dauerte einige Minuten, dann betraten zwei Mädchen, so um die sieben oder acht Jahre alt, den Wohnraum. Obwohl die beiden dem Anschein nach Zwillinge waren (wie die junge Frau, die ihnen Einlass gewährte, bereits erwähnt hatte), schien eines der Mädchen sehr alt zu sein. Es war, als wäre sie bereits hundert Jahre alt, so zerknautscht und schrumpelig wirkte ihr Gesicht. Andererseits, wenn man sie näher betrachtete, erschien sie wie ein neugeborenes Baby. So oder so, auch wenn die beiden Mädchen sich auf den ersten, oberflächlichen Blick ähnelten, unterschieden sie sich vollkommen voneinander.
So tobte eines um die Zwerge herum und stellten ihnen so viele Fragen in so kurzer Zeit, das ihnen ganz schwindelig wurde.
"Wo kommt ihr her? Wer seid ihr? Wie heißt ihr? Wo wohnt ihr denn? Habt ihr uns was mitgebracht? Warum seid ihr so klein? Habt ihr einen Schlitten? Habt ihr Pferde? Habt ihr ein Rentier? Wie alt seid ihr?..."
"Halt!" rief Cowboy laut und hob beide Hände abwehrend in die Höhe. "Schluss jetzt mal," fügte er leiser hinzu.
Rübe hielt nun den Teddybären hoch und sagte:
"Dieser feine Teddy möchte zu einem Mädchen mit einem Zopf." "Das bin ich! Ich!" rief eines der beiden Mädchen und hüpfte und sprang um Rübe herum.
"Ich habe auch einen Zopf," sagte das andere Mädchen schüchtern und leise. "Manchmal, aber nicht so oft." Es blickte zu Boden.
"Mein Freddy Teddy!" rief das Mädchen, das wohl Lucy war, und grapschte sich schnell das Bärchen.
"Mein Lucy-Zöpfchen!" brummelte der Teddy jetzt zufrieden. Die beiden lagen sich in den Armen, das es nur so eine Freude war. Lucy bedankte sich einige Male, dann hüpfte sie mit dem Teddy hinaus. Alice, das andere Mädchen, stand ein wenig bedröppelt nebendran. Sie sah den Zwergenmann mit dem violetten Haar traurig an. "Ich vermisse auch etwas..." flüsterte sie und war sich nicht sicher, ob es jemand hörte.
"Keine Sorge, liebe Kleine," sagte Pony, "ich habe auch eine Kleinigkeit für dich." Mit einer geschickten Geste zauberte er funkelnde Sternchen, Herzchen und ein paar Kekse, die er dem Mädchen überreichte. Sie lächelte ihn an, bedankte sich, und ging ebenfalls aus dem Zimmer.
Nun bedachten die kleinen Menschlein die junge Frau mit einem neugierigen und fragenden Blick.
"Wieso ist Alice so viel älter?" wollte Pony geradeheraus wissen.
Die junge Frau zuckte die Schultern und ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf einem Stuhl nieder.
"Ihr Eltern leben nicht hier. Kaum, das die beiden geboren waren, suchten sie jemanden, der sich um sie kümmern sollte. Ich weiß nicht, ob sie besonders naiv waren, oder ob sie nur ein Kind haben wollten, doch kaum das Alice, die jüngere, auf die Welt kam, wandten ihre Eltern sich von ihr ab. Es war wie..." sie stockte einen Moment, "es war als ob Alice gespürt hätte, das ihre Eltern sie nicht lieben wollten. Und mit einem Mal war sie plötzlich alt. Nicht an Jahren natürlich, aber sie war aufeinmal wie ein kleiner, sehr alter Mensch. Wie eine alte Seele. Ihre Eltern, vor allem ihr Vater, schienen sich vor ihr zu fürchten. Mit Abstand zu ihren Eltern hat sie nun gelernt, wieder mehr ein Kind zu sein. Es gibt keine Garantie dafür, das Eltern ihre Kinder lieben. Aber ich tue es. Ich liebe die beiden, als wären sie meine eigenen Kinder."
Einen Moment schwiegen alle. Rübe streichelte die Hand der jungen Frau. Sie lächelte und nickte ihr zum Lebewohl zu.
"Das machst du ganz großartig! Die beiden sind geliebt, das ist alles, was zählt."
"Aber gerecht ist es nicht. Ihre Eltern sollten sie so lieben, wie sie sind. Geld kann keine Liebe ersetzen."
So vieles, das noch unausgesprochen war, so viele Gefühle und Gedanken. Die junge Frau wollte es rauslassen, den Zwergen alles erzählen, aber sie konnte sich in diesem Augenblick nicht überwinden.
Die Zwege verweilten noch einen Moment, um der jungen Frau (ja, ihren Namen kannten sie noch immer nicht, und niemand fragte danach) etwas Gesellschaft zu leisten. Als es bereits dämmerte, brachen sie auf.
So kämpften die Kleinen sich den Weg zurück durch die Schneewehen und Schneehügel zu ihrem Schlitten.
"Langsam mag ich keinen Schnee mehr," murmelte Cowboy etwas mürrisch, und die anderen konnten sich seinem Missmut in diesem Moment nur anschließen.
Die Beschreibung des Püppchens mit dem Einhorn-Horn klang überraschenderweise ähnlich derer, die ihnen der Teddybär am frühen Morgen geschildert hatte. Ein Mädchen. Manchmal hat es einen Zopf.
"Ein altes Mädchen ist es, ja," sagte das Püppchen.
"Unmöglich!" schnaufte Braka, "das kann nicht das selbe Mädchen sein!"
"Das wäre ja ein Ding," grinste Pony. "Vielleicht ist es Alice?" Er zwinkerte Braka schelmisch zu.
"Warum, zum großen Gnomwurz, erfahren wir das erst jetzt? Warum hast du uns das nicht vorhin schon gesagt?" stöhnte Cowboy, der sich demonstrativ wieder die Beine rieb.
Und so traten sie zum zweiten Mal den Marsch zu dem Anwesen an, von dem sie sich wünschten, das hier mal jemand so richtig toll Schnee schippen würde. Und doch, als sie in Alices leuchtende Augen sahen, als sie ihre Pipsi in den Armen hielt, und sie das Püppchen liebevoll an sich drückte, da wurden ihnen die Knie weich.
"Danke, liebe Zwerglein," sagte das Mädchen freudestrahlend. "Danke tausendfach!" Für einen Sekundenbruchteil sahen sie, wie jung sie wirklich war.
"Bekomme ich jetzt auch Kekse?" fragte Lucy forsch. Sie stand im Türrahmen und sah sie, ihren Teddy Freddy in den Armen, schelmisch an.
"Fair ist fair," nickte Pony, ließ Sternchen und Herzchen regnen, und reichte dem kleinen Mädchen ein paar Kekse.
Die Zwillinge winkten ihnen, ihre geliebten Spielzeuge in den Armen haltend, zum Abschied zu. Und wie sie - seufz, wieder mal - durch den Schnee zum Schlitten stapften, hielten sie sich dieses herzerwärmende Bild vor Augen.
"Dafür," merkte Cowboy abschließend an, "haben sich meine schmerzenden Beine allemal gelohnt!"




Waaaaas? So traurig und so schön! Ich liebe die Mädels! Die sind ja soo niedlich! 🤩
AntwortenLöschenGeniale Idee, mal wieder! 💖
Aber ehrlich, was sind das für A*schlocheltern, das die die kleine Alice nicht lieben, nur weil sie 'anders' ist? Phew, eine Pfeife würd ich auf die geben!
Den Satz ' Es gibt keine Garantie dafür, das Eltern ihre Kinder lieben' find ich hart und bitter, aber auch wahr. Da hast du richtig Gesellschaftskritik geäussert. Sehr, sehr traurig. 😢