Es war ein eindringliches Wispern, das Braka weckte. Aus dem Tiefschlaf erwacht, stand er benommen auf und folgte der Stimme, die er in seinem Traum vernommen hatte. Schlafwandelte er womöglich? Jedenfalls stellte sich Pony diese Frage, der das Flüstern in der Nacht ebenfalls vernommen hatte. Neben dem Kamin stehend, sah er Braka auf das Sofa zugehen, auf dem die Spielzeuge lagen.
"Pilzebub?" fragte er leise, als er Braka wie in Trance auf die Knie gehen sah, sich zu den kleinen Wesen aus dem Automaten hinunterbeugend. Doch Brakalasa reagierte nicht. Völlig abwesend ergriff er einen Stern, der zwischen den anderen Figuren verborgen war. Einen Sekundenbruchteil schimmerte er, doch der Glanz ließ rasch nach. Brakalasa erhob sich und trug den Stern in Richtung der Hüttentür. Noch im Schlafanzug, ohne Schuhe, ohne Jacke, wollte er die Hütte verlassen. Seine Hand legte sich bereits auf den Knauf.
"Ich muss dort oben sein..." hörte auch Pony das schwache Stimmchen.
"Braka!" rief Pony leise. "Wach' auf!"
Doch er reagierte noch immer nicht.
Pony fuchtelte mit den Händen, um einen kleinen Irrlicht-Zauber herbeizurufen. Das Licht des Zauberwesens strahlte für einen Moment so hell, das alle, die es sahen, abgelenkt waren von ihrer Tätigkeit. Es gab nichts und niemanden, der diesem kleinen Taschenspielerzauber widerstehen konnte. Und selbst Braka schien für einen Moment hellwach zu sein. Doch kaum, das der Zauber erloschen war, trat er zur Tür hinaus.
"Rübe! Cowboy!" rief Pony so laut er konnte. "Aufstehen! Zack, zack!"
Pony schnappte sich wahllos eine der Jacken, die an der Garderobe hingen, und warf sie dem sich langsam voran bewegenden Pilzebub über die Schultern. Umständlich versuchte er, während er um ihn herumtänzelte, Brakas Arme in die Jackenärmel zu stecken und die Knöpfe der Jacke zu schließen. Mit einer geschickten Geste wickelte er ihm den Schal um den Hals, den er aus einem der Jackenärmel gezupft hatte. Nicht, weil es so kalt war, sondern weil es stylisch war. Pah, Kälte machte doch ihm nichts aus.
"Wer zum großen Kohlkopf macht hier so einen Lärm?" brummte der alte Cowboy, als er in die Stube trat. "Und wieso, zur schnappenden Schlangensohle, steht die Tür so weit offen?"
Rübe hatte sich mittlerweile auch den Schlafsand aus den Augen gerieben, gähnte groß und nuschelte etwas verschlafen:
"Was ist denn das für ein Radau?"
"Ja wer wohl?" sagte der Cowboy und deutete mit dem Finger zur Tür raus. "Die beiden sind scheint's wohl etwas verpeilt heute Nacht."
Rübe und Cowboy schmissen sich rasch in warme Klamotten, zogen ihre Stiefel über, und ab ging es nach draußen. War ja so angenehm, nachdem sie einige Zeit unter ihren dicken, warmen Decken geschlummert hatten, jetzt in die eisige Kälte hinaus zu stapfen. So folgten sie Pony und Braka. Erkennen konnten sie sie nur als Schemen, doch einer schien ständig um den anderen herumzutanzen, irgendwie mit irgendwas beschäftigt. Als sie zu ihnen aufschlossen - das erwies sich doch als äußerst schwer, denn, naja, der Schnee und so - sahen sie, das Pony sein Bestes gab, Brakalasa warm einzupacken. Dieser hatte offensichtlich vergessen, sich warme Kleidung überzuwerfen.
Pony zauberte einen Feuerzauber, der Brakas nackte Füße vor der Kälte schützen sollte. Da seine Zauber allesamt nur kurze Zeit anhielten, war er sehr geschäftig unterwegs, da er den kleinen Zauber stets erneuern musste. Angesichts der Bewältigung des dichten, festen Schnees ein wahrer Kraftaufwand. Zudem schilderte er den anderen beiden, was geschehen war.
Brakalasa, der Pilzebub, lief derweil weiterhin wie in Trance, den kleinen Stern in Händen haltend.
"Es ist wie letztens," merkte Rübe nachdenklich an, "mit dem kleinen Zebra Sisu. Er wusste genau, wo es hingehörte. Er sagte, er könne eine Aura sehen. Vielleicht ist es jetzt genauso."
Die Stirn in Falten legend wollte Pony wissen: "War er da auch schon so abwesend?"
Rübe schüttelte den Kopf.
"Seltsame Sache, das."
Sie folgten Braka, den sie alle vor der Kälte so gut es ging abschirmten.
"Ich muss dort oben sein!" wisperte die zittrige Stimme des kleinen Sterns hin und wieder kaum hörbar.
"Komm zu mir! Du bist nah!" ertönte mit glockenreinem Klang eine Stimme von oben herab. Es war wie ein engelsgleicher Ruf, der sie mit einem Summen und leichtem, sanften, vibrierenden Singsang in eine Richtung leitete, als wäre die Stimme eine Licht in der Nacht, die ihnen den Weg leuchtete. Der Stern in Brakalasas Händen begann mehr und mehr zu glimmen, je näher sie der Stimme kamen. Sie stiefelten durch den Schnee, immer bergauf. Es war fast so, als würde die seichte, fast zärtliche Melodie alle Strapazen erleichtern, denn keiner von ihnen spürte die Kälte oder Anstrengung des Aufstiegs in die eiskalte, luftige Höhe.
Als sie eine Anhöhe erreichten, verstummte der Singsang einen Augenblick, und ein sacht glitzernder Schimmer beleuchtete die kleine Ebene. Eine Gestalt schwebte auf sie zu. Anfangs konnten sie kaum etwas erkennen, doch je näher die Gestalt auf sie zukam, desto sanfter wurde der Glanz um sie herum, so das sie eine Frau erkennen konnten, die mit ausgebreiteten Armen auf sie zukam.
"Meine Freunde, seid willkommen!" sprach die Gestalt, die in ein sternenklar leuchtendes Gewand gehüllt war. "Ihr habt meinen Stern zu mir gebracht!"
Sie streckte ihnen die Hände entgegen, und mit einem Mal war Brakalasa wieder bei vollem Bewusstsein. Er war irritiert, denn - ja zum heiligen Fliegenpilz! - wo war er hier nur gelandet? Und wie war er hierher gekommen? Der kleine Stern, den er die ganze Zeit über in seinen Händen gehalten hatte, flog der Gestalt entgegen.
"Man nennt mich Sternenkatie. Seit vielen Jahrhunderten suchte ich meinen kleinen Stern. So viele Sterne habe ich besucht, doch meinen Stern konnte ich nicht finden. Nun habt ihr ihn zu mir gebracht, meine liebsten, kleinen Freunde. Mein Dank sei euch ewig gewiss! Nun kann ich endlich Ruhe finden! Für euch wird es nie wieder eine dunkle, hoffnungslose Nacht geben, denn mein Stern und ich werden für euch leuchten."
Das Sternenmädchen leuchtete in einem glühenden, glitzernden Gelb und Blau auf, der kleine Stern schimmerte auf ihrer Stirn. Mit einem stetigen Kreisen umgeben von der feinen Melodie, die sie schon zuvor vernommen hatten, erhoben die beiden sich in das Firmament. In einem gleißenden Funkenhagel flogen sie davon, bis nur noch ein leichter Glanz die Stelle umgab, an der die Sternenkatie zuvor erschienen war.


Zuerst: hahahaha! Und dann: oh, wie romantisch!
AntwortenLöschenIch liebe dieses Kapitel! 😍 Die Bilder dazu sind einfach genial!