Dienstag, 5. Dezember 2023

Kapitel 5: Heimatlos

 ... bis auf das wirre Durcheinander unterschiedlich hoher und tiefer Stimmen, die - kaum das die Morgendämmerung eingesetzt hatte - sich unterhielten. Manche maulten, manche klagten, manche klangen sehr verzweifelt, andere schienen lediglich in freudiger Erwartung und Hoffnung auf ein besseres Leben.
Rübe schreckte auf.
"Was? Wer? Wo? Wie... bin ich?" Sie wischte sich den nächtlichen Schlafsabber vom Kinn und sah sich - einen Moment orientierungslos - um. Dann kam die Erinnerung zurück.
"Guten Morgen, ihr Süßen!" begrüßte sie die Spielzeuge, knuddelte und umarmte alle, erhob sich, und setzte erstmal einen Kessel Wasser auf.

Nach dem Frühstück, das die Spielzeuge ihnen zugestanden, winkte Rübe ihre kleinen Männer in das obere Stockwerk. 
"Wir müssen uns was einfallen lassen. So geht es nicht weiter. Wir brauchen eine Auslosung oder sowas."
Alle grübelten vereint. Pony wollte schon wieder mit den Händen in der Luft fuchteln, um einen Zauberspruch loszulassen, doch Rübe gebiet ihm mit einer kurzen und knappen Geste Einhalt.
"Eine Verlosung. Hast du ja schon gesagt, oder," merkte Braka an.
"Alle ziehen eine Nummer. Fertig und aus," nickte Cowboy.
"Wie öde!" stöhnte Pony. "Das gibt's ja echt in jedem noch so langweiligen Blockbuster. Wir müssten doch eine bessere Lösung finden!"
Und nochmal eine Runde Grübeln war angesagt. 
"Okay, ich hab's!" rief Brakalasa. "Wir... also wir... vergessen."
Alle rollten mit den Augen. 
"So super deine Idee!" äußerte Cowboy ironisch.
Einige Minuten herrschte nachdenkliches Schweigen. Schließlich, ehe alle noch einschlafen würden, klatschte Rübe in die Hände und rief leise:
"Also, jetzt aber! Wir haben sie durch magische Rufe gefunden. Wir können keinem vorschreiben, länger zu warten als nötig! Also: was ist fair für alle?"
Die Jungs schienen aus ihrer kurzen Lethargie erwacht.
"Lose ziehen," sagte Pony.
Wieder allgemeines Augenrollen.
"Du sagtest doch eben, das das total öde ist!"
Wieder klatschte Rübe in die Hände.
"So!" sagte sie resolut, und dieser Tonfall ließ keine Widerrede zu. "Cowboy und ich gehen einen Zugehörigen suchen, und Pony und Braka den anderen. Heute Abend sehen wir weiter. Ich meine, niemand sagt, wir können nicht auch Nachts noch suchen gehen. Habe fertig!"
Braka zog den Mund schief nach unten, Pony trat in gewohnter Weise verlegen von einem Fuß auf den anderen, und Cowboy hielt lediglich einen Daumen zur Zustimmung hoch.

Die Spielzeuge, denen sie ihren Plan verkündeten, waren mehr als erfreut, sie waren beschwingt und ausgelassen. Und so packten Rübe und Cowboy sich ein Printenmännchen, und Braka und Pony griffen sich eine plüschiges Bäumchen.
Und so ging es los... ähm, also wieder ab in die Kälte. 
"Winterurlaub, okay," dachte Rübe noch, "aber so kalt muss es dann ja auch nicht wirklich sein."
Und Braka dachte bei sich: "Schnee ist schön... wenn es nur nicht so kalt wäre!"

Das Printenmännchen lugte aus Rübes Manteltasche heraus. Immerhin hatte es Rübe versucht, Bilder seines Zugehörigen zu vermitteln. Doch es war erfolglos. Die Bilder kamen nur schwach an, und Rübe wusste ganz genau, was dies zu bedeuten hatte: weder dem Lebkuchenmännchen, noch dem Zugehörigen ging es gut. Somit war Eile geboten. 
Obwohl die Sonne eben erst hinter den Bergen aufgegangen war, wollte die seicht-graue Dämmerung sich nicht lüpfen. Das Licht war matt und gräulich, alles erschien düster und ein wenig zwielichtig, denn die Sonne wollte immer wieder durch die dichten Wolken stoßen, jedoch gelang es ihr nicht.
"Eine Ecke. Backsteine. Container."
Deutliche Bilder in Rübes Kopf. Sie teilte es Cowboy mit. Und da, angesichts ihres Streifzuges des letzten Abends und der Nacht, sie ja nun wussten, das dieses Örtchen so einige "Ecken" zu bieten hatte, entschloss der alte Cowboy sich, die anderen beiden Zwerge um Hilfe zu bitten. Hastig eilte er in die Hütte zurück. Ihr glaubt ja nicht, wen er da traf!

In der Hütte saßen Pony und Braka grübelnd auf den Sesseln. Ihre Suche war erfolglos gewesen, denn ohne Rübes Gabe waren sie auf verlorenem Posten, denn das Bäumchen war bar jeder Beschreibung seines Zugehörigen. Lediglich "See" und "Eis" hatten sie in Erfahrung bringen können. 
Entmutigt und vor allem frustriert, dem kleinen Baumwesen nicht helfen zu können, waren sie nach einiger Zeit in die Hütte zurückgekehrt. So ermunterte Cowboy sie, Rübe und ihm mit dem kleinen Lebkuchenmännlein zu helfen, seinen Zugehörigen ausfindig zu machen. Und so taten sie es. Da muss man ja auch nicht lange überlegen!

Als die drei Zwergenmänner ausströmten, um Rübe auf ihrer Suche zu helfen, fanden sie sie - nun, es dauerte schon eine Weile - letztendlich (Pony leistete wieder hervorragende Hilfe mit seinem Leuchtzauber, um die dunkelsten Ecken zu beleuchten) in einer wirklich sehr kleinen, engen, sehr düsteren Gasse, die nur ein wenig durch ein Feuer erhellt wurde, das in einem alten Fass loderte. Sie sprach mit jemandem, und es war nicht die liebliche, warm-wohlige Stimme des Printenmannes.
Als die Lichtkegel der kleinen Zauberlampen und leuchtenden Funken zu ihnen drang, deutete Rübe ihren Gefährten stehenzubleiben, legte - den Kopf leicht zu ihnen drehend - die Finger auf die Lippen und winkte sie heran, damit sie ein wenig näher heran treten sollten. Als sie bei Rübe standen, sahen sie, mit wem sie sich unterhielt: ein Mann mit einem schmutziggrauen Bart, in einem abgenutzten, löchrigen Mantel. Sie ließen sich auf dem kalten Gassenboden nieder; musterten den alten Mann intensiv; Brakalasas Augen wurden feucht.

"Guten Abend," begrüßte der Mann die Zwerge. "Ich habe mich mit eurer Freundin schon gut unterhalten, und ich will euch von ganzem Herzen danken, das ihr meinen kleinen Schnubi zu mir gebracht habt!"
"Schnubi?" wisperte Braka in Rübes Ohr.
"Das Printenmännchen," flüsterte sie mit schiefen Mund zurück.
"Ich habe ihn lange gesucht," fuhr der Mann fort. "Wie unhöflich," sagte er, erhob sich halb und verbeugte sich ein klein wenig, nicht ohne sich an die Bandscheibe zu fassen. "Mein Name ist Borsi."
Er ließ sich auf dem Pappkarton nieder, auf dem er zuvor gesessen hatte. Die Zwergenmänner stellten sich ebenfalls vor und grüßten: Braka tippte an seinen nicht vorhandenen Hut, Pony führte eine Geste zum Herzen aus, und Cowboy nickte dem Mann zu.
"Rübe und ich haben uns schon etwas kennenglernt," lachte Borsi hustend. "Aber euch will ich ebenfalls erzählen, warum ich so glücklich bin, das ich endlich mit meinem Schnubi vereint bin."

Borsis Geschichte

"Als ich noch jung war," so begann der Mann, der in dieser dunklen Gasse saß, "war ich voller Ambitionen. Ich wollte Koch werden. Genau genommen wollte ich Bäcker werden, um schließlich die feine Kunst der Torten, Kekse und Süßspeisen zu erlernen. Pâtissier war mein Traumberuf. Aber ihr wisst vielleicht, wie es im Leben so geht: es kommt immer anders, als man es erwartet. Mein Vater verwehrte mir die Ausbildung, ich zog in jungen Jahren aus, um mir eine Lehre zu verschaffen. Und so landete ich im Handwerksberuf. Das war nicht erträglich, aber ich war glücklich. Meinen Traum hatte ich aber nicht aufgeben. Manchmal jobbte ich in einer Bäckerei, um ein paar Brote an den Mann zu bringen, zu lernen, wie man den Ofen bedient und Teig anrührt. Und nach einigen Jahren gab ich das Handwerk auf. Ich wollte lieber Backen und Menschen mit dem Duft von frischem Brot erfreuen, als Nägel in Latten zu hauen."
Er seufzte.
"Eines Tages kam eine Frau in die Bäckerei. Sie roch die Brötchen, die ich begonnen hatte zu verfeinern. Frische Kräuter, ein wenig Schmand, etwas Butter... sie wollte, das ich zu ihr käme, in ihre Bäckerei, in der es lediglich Kuchen und Torten gab. Was für eine wundervolle Frau! So schön wie klug, so forsch wie kraftvoll. Nun war ich so nah' dran! Mein Traum würde in Erfüllung gehen!"
Die Zwerge sahen ihn mit großen Augen an.
"Doch mein Vater, den ich seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, kam in das Geschäft. Er lachte mir ins Gesicht, das er den Laden gekauft habe und ich nun auf der Straße sitzen würde. Ihr müsst wissen," Borsi sah alle der Reihe nach an, "das die Kuchenbäckerei in einem Haus war, über dem ich wohnte. Die Dame, die mich eingestellt hatte, konnte all das nicht mehr finanzieren. All die teuren Schokoladen, die echte Vanille, die ausgefallenen Kräuter und exotischen Gewürze, die Sahne und Butter... Und so landete ich auf der Straße. Doch nicht für lange."
Er räusperte sich und grinste krumm.
"Madame Avril, die mich eingestellt hatte und nun ein wenig Klimpergeld hatte, und ich waren verliebt."
("Wie schööön!" "Sooo süß!" "Ooooooh!")
"Und so war unser erstes Kind bald unterwegs. Ich suchte mir Arbeit, wo immer ich sie finden konnte. Ob als Aushilfe in einem Lokal, am Zapfhahn, in der Küche zum Zuarbeiten, als Haushaltshilfe für ältere Menschen, Einkaufshilfe oder als Begleitung zum Arzt... es gibt immer Menschen, die Hilfe benötigen. Doch kaum das unsere kleine Helmi geboren war, starb meine geliebte Avril. Helmi war ebenfalls krank, und verstarb kurz nach ihrem zweiten Lebensjahr. Sie konnte nie spielen oder wahrhaft leben..."
Er seufzte schwer, und Borsis Augen waren voller Tränen.
"Dann ging ich fort. Ich ging noch ein Mal an dem Geschäft vorbei, das mich hoffen ließ, ein glückliches Leben führen zu können. Der Laden war an eine Marktkette verkauft worden, die nun an fast jeder Ecke jeder Stadt zu finden war. Das brach mir das Herz. Und so ging ich endgültig weg. Einfach weg, wohin auch immer meine Beine mich trugen. Ich habe immer für meinen Lebensunterhalt gesorgt, aber nur so viel, ich wie brauchte. Aber immer alleine sein... das ist nicht schön. Mir fehlt der Duft von Sahne und Butter, von Schokolade und Vanille... von meiner Avril und meiner kleinen, lieblichen Helmi."
Borsi schwieg. Sein Kopf war geneigt, und einen Moment hielten alle inne, um mit ihm zu trauern. Doch dann sah er auf, und ein Strahlen lag in seinem Gesicht.
"Nun ist Schnubi bei mir. Er erinnert mich an alles Gute, das mir in meinem Leben widerfahren ist. Ich danke euch!"

Zum Abschied - und der fiel wirklich schwer - schenkte Pony dem alten Mann und seinem Lebkuchenmännlein einen besonders herzigen Zauber. Immer, wenn sie nun Wange an Wange saßen, würden glitzernde Herzchen sprühen. Jedenfalls für einen Moment, man will es ja auch nicht übertreiben. 
Rübe und Borsi umarmten sich, und dann öffnete der Mann seine Arme ganz weit und drückte alle Zwerge aufeinmal fest an sich. 
Als sie auf dem Weg zur Hütte waren, beschloss Rübe, erstmal richtig leckeren Kakao zu trinken, Pony wollte sich ein riesiges Sandwich mit viel Salat und Käse machen, und Braka wollte einfach ein Bier trinken.
"Das ging doch gut," merkte Cowboy an, "echt easy."

Alle rollten die Augen, denn es war so gar nichts easy gewesen. Jedenfalls nicht, wenn man das Leben eines Menschen vor Augen hat, der alles verloren hatte, was er liebte. 

1 Kommentar:

  1. Was für eine tragische Geschichte! Sooo traurig. Ich bin echt happy, das Borsi jetzt mit seinem Schnubi vereint ist! Ich hoffe das er ihn trösten kann. 💕

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