Freitag, 15. Dezember 2023

Kapitel 15: Wissenschaft

   "Hach ja, so eine Mütze voll Schlaf kann wahre Wunder vollbringen!" seufzte Cowboy am Frühstückstisch und reckte sich ausgiebig. Heute hatten sie ihre morgendliche Mahlzeit erst spät eingenommen, es ging schon auf Mittag zu.
"Dann wollen wir mal sehen, wem wir heute helfen können," klatschte Braka voller Tatendrang in die Hände.
Die Spielzeuge, mittlerweile waren es weniger als die Hälfte, die sie noch zu ihren Zugehörigen nach Hause bringen mussten, waren erstaunlich ruhig heute. Die meisten hatten sich auf einem kleinen Haufen aneinander gelegt und dösten in den Tag hinein. 
"Wissenschaft," sagte eine einäugige, orangefarbene Kreatur. "Wissenschaft."Die Zwerge sahen sich, sich gegenseitig zunickend, an und zuckten die Schultern.
"Wissenschaft," wiederholte Pony. "Was soll das bedeuten?"
"Wissenschaft ist wichtig," sagte das Spielzeug. "Forschen und erfinden."
"Ahaaa," kratzte Cowboy sich am Kopf.
"Wissenschaft! Wissenscha-haft!" rief das Wesen jetzt etwas lauter und sprang auf und ab. "Ein Mann der Wissenschaft!"

"Ach so," sagte Rübe und nickte nun, als habe sie plötzlich begriffen. "Er sucht einen Wissenschaftler."
"Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft..." wiederholte das Spielzeug nun in einem fort, und der kleine Mund wollte gar nicht mehr stillstehen.
"Ist ja gut, ist gut," beschwichtigte Braka. "Wir finden deinen Wissenschaftler!"
Die kleinen Menschlein berieten sich. Nach einigen Minuten war man sich einig, das man Claubatius aufsuchen sollte, der sich hier im Dorf ja hervorragend auszukennen schien. Bestimmt wusste er etwas von einem Wissenschaftler. Eingemummelt in ihre winterliche Tracht machten sie sich auf zur Pension, in der Claubatius als Rezeptionist arbeitete.
Und tatsächlich war dem alten, verschrobenen Claubatius ein Wissenschaftler bekannt, der einst hier im Tal lebte. Einige Dörfer weiter sollten sich, sofern er denn noch immer lebe, sein Haus und Labor befinden. Den genauen Ortsnamen konnte er ihnen nicht nennen, doch er wusste noch, das es ein kleines, rotes Haus war.
"Nicht irgendein rotes Haus. Grelles Rot. Ihr werdet es erkennen, wenn ihr es seht," sagte Claubatius noch und wandte sich wieder seinem Buch zu.
Kein Name, kein Ort, aber ein rotes Haus. Na, das konnte ja so schwer nicht zu finden sein. Die Zwerge stöhnten geistig.
Um alle Dörfer abklappern und das rote Haus nebst Wissenschaftler ausfindig machen zu können, bedurfte es einer anderen Methode: sie teilten sich auf. Jeder bekam einen kleinen Kommunikationsapparat, mit dem sie per Konferenzschaltung Informationen über den Stand der Dinge austauschen konnten. Beim örtlichen Schlittenverleih liehen sie sich eben solche aus. Pony belegte die Schlitten noch mit einem Zauber, auf das sie selbständig fahren konnten, und auf ging die Suche nach dem Wissenschaftler.

"Ich habe hier überall gefragt, krcht," drang Cowboys Stimme knarrend durch den Kommunikationsapparat (folgend nur noch KKA genannt). "In Sankt Fallwasser gibt es keinen Wissenschaftler. Ich breche jetzt auf in den nächsten Ort, das ist Maidenheim."
"Auch hier in Rüsselburg bei Maarct kein Wissenschaftler, krcht," schnorrte Brakas Stimme verzerrt durch den KKA. "Ich mache mich jetzt auf nach Gluckwalde."
Rübe konnte mitteilen, das sie in Knutvanwerft den Tipp bekommen hatte, das rote Haus in der Nähe eines Ortes mit der Endung -heim zu suchen. Dem schloss Pony sich an, der sich "krcht" aus Oberfahrthuusen meldete. Auch hier hatte er die Information erhalten, das es ein auffälliges, rotes Haus in einem Ort mit der Endung -talheim geben solle.
"Ich hörte, krcht," surrte Braka, "das es noch ein Hoftalheim geben soll. Treffen wir uns dort?"
"Abgemacht!" "Jawoll!" "Unbedingt!"
Die Schlitten mitsamt den Zwergen sausten aus allen Richtungen über die Schneeflächen Richtung des angepeilten Zielortes. Mitterweile war der Nachmittag ins Land gezogen, und es dämmerte bereits. Die Mägen knurrten vorwurfsvoll, doch die kleinen Menschlein wollten erst ihre Mission vollenden.
Daran gab es nichts zu rütteln.

"Ihr sucht einen Wissenschaftler in einem roten Haus? Das kann nur Rudy sein."
"Und wo finden wir diesen Rudy in seinem roten Haus?" hakte Cowboy nach.
"Da müsst ihr einige Kilometer außerhalb fahren. Immer in diese Richtung. Nahe des kleinen Waldes liegt das rote Haus. Viel Glück." Die Frau deutete in eine Richtung und winkte zum Abschied.
Als das letzte Tageslicht erloschen war, begann das schimmernde Licht der Sternenkatie wieder zu leuchten. Das war ungemein praktisch, wie sie nun alle feststellten. Und so machten sie sich auf den Weg zum roten Haus des Wissenschaftlers Rudy. Da es um sie herum nun nicht ganz so dunkel war, fiel ihnen die Suche leichter. Als sie sich einem Wäldchen näherten - oder eher einer kleinen Ansammlung von kahlen Bäumen - erkannten sie auch das rote Haus. In der Tat konnte man es nicht übersehen, obwohl es klein war. Es leuchtete geradezu in der Dunkelheit, das man es selbst mit verbundenen Augen hätte sehen können. Auf einem Briefkasten, der schief in der Erde steckte, stand der Name "R. Gomez". Da es keine Klingel gab, klopften sie einfach lautstark an die Tür und riefen den Namen des Wissenschaftlers. Mit einemmal knackste etwas an der Wand neben dem Eingang, und ein kleiner Trichter erschien, aus dem dröhnte:

"Guten Tag, wehrter Besucher. Entweder ich bin nicht zu Hause, oder ich befinde mich in meinem Laboratorium. Bitte sprechen Sie nach dem Signalton. Danke."
Es war ein erneutes Knacken zu hören, dann ein schriller Pfeifton, und Braka sagte hastig:
"Hallo! Wir sind gekommen, um jemanden zu Ihnen zu bringen. Es ist eine dringliche Angelegenheit. Wir warten vor Ihrer Tür."
Mitten in Brakas Nachricht knackte es wieder, die Stimme sagte: "Danke für Ihre Nachricht. Bitte warten Sie für die Auswertung," und der kleine Trichter verschwand wieder in der Wand.
Sie Zwerge sahen sich ratlos an. Pony trat von einem Fuß auf den anderen, Cowboy kaute verwundert auf seinem Halm herum, und Rübe und Brakalasa sahen sich schulterzuckend an. Plötzlich öffnete die Haustür sich mit einem leisen Knarren. Als sie eintraten, war niemand hier, der die Tür hätte öffnen können. Die Stimme, die sie eben bereits durch den Trichter vernommen hatte, tönte nun aus allen möglichen Richtungen:
"Bitte folgen Sie nun dem grünen Licht. Danke."
Ein kleines, mechanisches, grünes Licht flog auf sie zu, hielt kurz inne, und flog dann mit einem surrenden Geräusch durch den Flur, durch das Wohnzimmer und zu einer Treppe, die in den unteren Hausbereich führte. Es wartete einen Moment, flog die Treppe hinab und hielt vor einer Stahltür inne. Dann schaltete es sich ab.
"Bitte eintreten," ertönte die Stimme abermals. Mit einem "pffft" und "pafft" öffnete sich die Eisentür, und die Zwerge konnten eintreten. Sie hatten ein total spannendes Labor erwartet, doch stattdessen befanden sie sich in einem kleinen, wohnlich ausgestatteten Raum, fast schon ein winziges Appartment. Ein kleines Bett stand hier, ein Tisch, ein Stuhl, es gab einen schmalen Kleiderschrank, eine Kochnische und ein Bücherregal über dem Bett.
"Hallo und willkommen," sagte nun ein älterer Mann mit zerzaustem Haar. "Ich bin Rudy Gomez. Was kann ich für euch tun?"
Die Zwerge stellten sich höflich und verdattert vor. Der Wissenschaftler drückte auf einen Knopf unterhalb der Tischplatte, und prompt fuhren aus dem Boden einige Stühle nach oben. Er bat sie, sich an den Tisch zu setzen, Cowboy zog die orangefarbene, einäugige Figur aus dem Rucksack und setzte sie auf dem Tisch ab.
Einen Moment herrschte totales Schweigen. Doch dann lachte Rudy auf, nahm das Spielzeug in die Arme und sagte:
"Na endlich, mein kleiner Schatz! Da bist du ja! Ich hab' dich schon ganz vergessen." Er ging zur Küchenecke, nahm aus einem Hängeschrank eine kleine Flasche, träufelte sich die Flüssigkeit über die Hände, verrieb sie und streichelte schließlich das Spielzeug von oben bis unten, bis es mit der Flüssigkeit eingerieben war. Und aufeinmal glimmte die Figur, begann sich zu bewegen, und wirkte lebendig, also einfach nicht mehr wie ein Spielzeug.
"Wow," staunten Pony und Braka, die ja gerne mit Tränken und Elexieren herum probierten, "das Elexier will ich auch haben!"
Rudy und die Figur, räusper, das kleine Wesen, schienen sich perfekt zu verstehen. Nun konnte es nämlich auch noch andere Worte sprechen, ganze Sätze, außer lediglich "Wissenschaft". Das wäre wohl auch etwas zu langweilig geworden auf Dauer.

 Sie saßen noch auf einen Tee am Tisch, als nun ihre Mägen wieder zu knurren begannen. Rudy zog seine Augenbrauen hoch und lachte.
"Wollt ihr etwas essen? Ich habe selbstbackende Lasagne. Mit Gemüse und Pilzen."
"Au ja!" Da musste keiner lange überlegen.
Rudy kramte erneut in einem der Küchenschränke und zog eine Tüte heraus. Er gab das Pulver in eine Glasform, mischte etwas Wasser und Sahne hinein, rührte alle um und stellte die Form auf den Esstisch. Nach einer Minute dampfte eine köstlich duftende, mit aromatischem Käse überbackene Lasagne in der Schale.
Als alle satt waren - inklusive des Wissenschaftlers und seines neuen Gefährten - wollte Rübe ganz genau wissen, warum Rudy denn alleine war.
Er schenkte allen einen Rotwein ein, und seufzte schwer. Nachdem er das erste Glas recht schnell geleert und sich ein zweites eingegossen hatte, seufzte er erneut. Er streichelte fast geistesabwesend den Kopf des Wesens, das noch immer auf dem Tisch saß.
"Ich war schon immer in meine Arbeit vertieft gewesen," begann er nachdenklich. "Als ich jung war, so um die zwanzig, hatte ich eine langjährige Freundin, aber ich hatte selten Zeit für sie. Mit der Zeit wurde es immer schlimmer, ich arbeitete Tag und Nacht, vergaß Dates und wenn wir uns sahen, redete ich nur über meine Arbeit. Das brachte sie dazu, mich zu verlassen. Sie liebte mich, das wusste ich, und für mich war sie die Liebe meines Lebens. Aber sie konnte so nicht mehr leben. Eines Tages sah ich ein," er seufzte wieder und trank einen großen Schluck Wein, "das meine Erfindungen und Forschungen zu nichts nütze waren. Luxus vielleicht, ja, aber es war nichts Großes. Ich wollte alles hinschmeißen und nur noch mit Helen zusammen sein. Zu der Zeit waren wir um die drei Jahre getrennt gewesen, aber wir hatten noch Kontakt. Dann und wann jedenfalls. Also ging ich zu ihr und sagte ihr, das ich alles aufgeben würde, wenn sie zu mir zurückkäme. Doch es war zu spät. Sie hatte eine Familie gegründet, hatte schon ein Kind und war in einer wohl glücklichen Beziehung. Ich Trottel."
Er starrte in sein Glas. Sein Blick war melancholisch und reumütig.
"Manchmal," sagte er leise, "malte ich mir aus, wie mein Leben mit ihr verlaufen wäre. Ich sah uns mit zwei Kindern, wir hatten drei Enkel, waren glücklich. Keine Forschung, keine Wissenschaft... dabei wollte ich Anfangs nur etwas Großes schaffen, etwas, das alle Lebewesen glücklich macht. Ach, ich bin ein Taugenichts."
Rübe legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf.
"Du hast doch großartige Sachen erfunden! Ich bin begeistert von der Technik in deinem Haus!"
"Ja," lachte Brakalasa, "Rübe steht auf sowas!"
Rudy hob den Kopf und lächelte.
"Ja, das ist wahr, die Technik hier ist nicht so übel."
Sie hoben gemeinsam die Gläser zu einem Salut, dann klatschte Rudy in die Hände und sagte fröhlich:
"Jetzt ist mein kleiner Schatz bei mir, und ich werde die Arbeit ruhen lassen. Vielleicht für immer... mal sehen."
"Das ist doch ein Wort!" rief Cowboy, "darauf noch einen Schluck!"
"Wer will Nachtisch?" fragte Rudy nun. "Es gibt selbstschlagenden Käsekuchen, na, naa? Wer ist dabei?" Dafür waren natürlich alle zu haben.

Es war ein sehr anstrengender Tag gewesen. Die köstliche Lasagne und der vorzügliche Käsekuchen hatten sie schon entlohnt, ebenso wie der hervorragende Wein. Doch nun war es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Sie verabschiedeten sich von Rudy und seinem kleinen Schatz, setzten sich auf die Schlitten und brausten zurück nach Wassuwill.
Klar hatten Rudy und Rübe ihre Nummern ausgetauscht. So unter Technikfans. Man wusste ja nie.


1 Kommentar:

  1. Ich will das sofort haben! Das klingt absolut lecker! 🤤🤤
    Deine kleine Hymne an Rick Sanchez? 😃

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