Montag, 11. Dezember 2023

Kapitel 11: Ur-ur-ur-ur-ur...

   Was wäre besser, um Informationen einzuholen, als eine örtliche Auskunft, eine Bücherei respektive Bibliothek, oder sogar - ja genau! - die Auskunft der ansässigen Dorfbewohner? Nichts wäre besser gewesen. Aber es gab keinen Informationsstand (um in der Sprache der Zeit zu bleiben: Touri-Info), auch keine Bücherei, und Passanten waren zu dieser Jahreszeit rar. Und wen wundert's?
"Borsi!" rief Braka, "er weiß bestimmt etwas!"
Doch Borsi war nicht mehr da. Die Tonne, in der er manchmal ein Feuer entzündet hatte, um sich zu wärmen, war ausgekühlt. 
Pony hatte eine Idee, die er, ohne die anderen in Kenntnis zu setzen, anwandte. Schwuppdiwupp ein Zaubersprüchlein und - er selber konnte es kaum glauben, das es auf Anhieb gelungen war - flog ein leuchtender Funke raketenartig in eine Richtung. Pony rannte eilig hinterher, noch ehe die anderen sich gewahr wurden, was geschehen war.
"Hier laaaang!" schrie Pony und eilte dem Funken nach.
Bald stießen die anderen auf ihn, nein, sie rannten ihn fast um. Der Funke war erblasst und erloschen.
"Das könnte vielleicht was sein," murmelte Pony und trat von einem Fuß auf den anderen. "Hier finden wir womöglich einen Hinweis auf..."
Noch ehe er den Satz vollenden konnte, war Cowboy schon an der Tür zu der Pension, zu der der Funke sie geleitet hatte.

"Kennen Sie diese Puppe?" wollte Brakalasa wissen, und mit einer lässigen Handbewegung zog er eine Stoffpuppe aus Ponys Rucksack.
Der Herr, betagt und ein wenig gebückt, schob seine Brille auf der Nase nach hinten. Er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder dem Buch, das er versteckt hinter der Rezeption zu lesen schien.
"Kennen sie denn dann vielleicht diese Dame?" fragte Cowboy und zog das Bild hervor, das - und er wunderte sich über sich selber - aus dem Rahmen entfernt hatte. Eben jenes Bild, das über dem Kamin in ihrer Hütte gehangen hatte. 
Der Herr besah sich das Bild einige Minuten. Pony wurde schon unruhig, Braka hingegen inspizierte die Umgebung. All die alten Möbel, die feinen Tapeten, handgeschnitzte Stühle, eine Kommode aus Maribellenholz. Auch eine Tür zur Küche konnte er entdecken, doch als er gerade das Geheimnis der aromatischen Düfte erkunden wollte, lupfte Rübe ihn am Ärmel und zog ihn zurück zur Rezeption.
"Ja," graunte der Rezeptionist, "ich kenne die Dame. Nun, sie war zu der Zeit, als ich sie kannte, noch ein kleines Mädchen. Und ich kannte sie schon, da gab es dieses Dorf noch nicht."
Er hüstelte und bedeutete den kleinen Personen, ihm zu folgen. Sie ließen sich in einem nobel ausgestatteten Zimmer nieder, das man schon zu Recht einen Salon nennen konnte. Aus edelstem Holz geschnitzte und mit feinsten Stoffen bezogenen Stühle, Sessel und Sofas. Ausladende, hohe Bücherschränke ("Hey, die haben dafür sogar eine Leiter!" "Hui!"), bestückt mit den ausschlaggebendsten und wichtigsten Werken der Wardrobianischen Literatur. Tapeten, die noch aus Stoff bestanden, nicht aus Papier, und von so feiner Machart waren, das man sich in sie kleiden wollte...
 Claubatius, so stellte sich der Rezeptionist vor, hüstelte erneut, schenkte ihnen einen kleinen Trunk ein, setzte sich in einen der Sessel und begann:

"Ich war noch ein Junge und lebte in Sankt Blumen-Kohlhuusen. Da traf ich zum ersten Mal auf Evelyn. Sie zählte ungefähr zehn Lenze mehr als ich, und ich war hingerissen von ihr. Das erste mal sah ich sieh mit dieser Puppe, Lerkje nannte sie sie. Schon als junges Mädchen war sie elegant und ihrer Zeit weit voraus. Sie war zwar grüblerisch, aber ebenso gescheit ihre Klugheit verkaufen zu können. Die meisten in unserem Dorf unterlagen ihrer Intelligenz. Was sage ich! Alle! Doch wie es die damalige Zeit mit sich brachte, wollten vor allem die Herren nichts von ihren Ideen wissen. Eine Expansion des kleinen Dorfes, das Tourismus und Geld gebracht hätte, war ihnen zu neumodisch und weltoffen. Doch Evelyn gab nicht auf. Sie arbeitete hart, sparte jeden Kupfergoken, und leistete sich ein schickes Kleid. Das mag auf den ersten Blick nicht clever gewesen sein -" Claubatius nahm einen Schluck, hüstelte und fuhr fort, "doch auf den zweiten umso mehr. So bekam sie einige reiche Investoren an die Hand, die erpicht waren auf ihre Ideen von einem Ferienort, an dem alle entspannen und ihren Hobbys nachgehen können. Ein Ort, an dem man schlemmen kann, an dem es freie Zimmer und Wohnungen gibt, Abreit für alle und, letztendlich, vor allem Wärme und Energie."
Cowboy räusperte sich lautstark.
"Das klingt nach Mindestlohn und Arbeitervierteln, mit Verlaub."
Claubatius fuhr unbeeindruckt fort.
"Sie stellte alles zur freien Verfügung. Niemand sollte arbeiten müssen, sie zahlte den Lohn aus eigener Tasche. Jeder konnte kommen und machen, was immer ihm beliebte. Die Investoren waren begeistert, denn nur wer glücklich ist bei seiner Arbeit, arbeitet auch gerne."
"Nicht unclever," brummte Cowboy anerkennend.
"So gründete sie unseren schönen Ort Wassuwill."
"Das wars?" rief Braka erstaunt. "Ende aus?"
Claubatius räusperte sich und bedachte Brakalasa mit einem leicht stechenden Blick.
"Natürlich war es von Beginn an ein fröhlicher Ort. Ein Dorf, in dem jeder leben wollte. Doch je mehr zusammen kommen, desto mehr Reibereien. Die einen hatten, was die anderen begehrten, und manche waren mit der Zeit faul geworden, wollten sich mehr dem Genuss hingeben, als für das Wohl zu sorgen."
Auch hier räusperten sich Cowboy und Braka.
"Ihr könnt," entgegnete Claubatius, und sah die beiden festen Blickes an, "noch so sehr dagegen sein, doch vor mehr als einhundert Jahren war es eine wundervolle Idee. Jeder arbeitete für sich und gleichzeitig für die anderen. Jeder konnte Spaß haben, und keiner musste Geld besitzen. Alles war für alle da... Doch Lady Evelyns Traum von einer freien Gemeinschaft ging unter... Nach ihrem Tod hatte es die Zeit nicht gut gemeint, und so musste jeder sehen, wo er blieb."
Er erhob stumm sein Glas, und Rübe prostete ihm stumm zu.
"Sie war eine Revolutionärin!" stellte Rübe ihr Gläschen ab. "Ein Freigeist!"
Claubatius nickte ihr, sie direkt ansehend und lächelnd, zu. 
"In der Tat, das war sie."
"Und du kanntest sie?" fragte Pony grade heraus.
Claubatius nickte mit geschlossenen Augen.
"Manchmal sehe ich sie noch vor mir. Sie war ein wunderbarer Mensch, nicht einfach eine Gönnerin, sondern frei im Herzen."
Einen Moment herrschte Schweigen. Dann brach es aus Cowboy heraus: "Und diese Puppe... ich sah sie auf dem Foto zusammen. Sie gehörte ihr. Doch wenn Evelyn tot ist, wo gehört sie nun hin?"
Claubatius verharrte einen Moment stillschweigend, das Glas in der Hand haltend, mit geschlossenen Augen. Als er sie öffnete, schien er wie ein anderer Mensch.
"Es gibt eine Nachkommin. Ihr Name ist Irmi. Ich selber habe sie nie getroffen, und ihr werdet sie nicht in diesem Ort finden. Lasst mich eines Tages wissen, wie eure Suche ausgegangen ist." Damit erhob er sich und kehrte zur Rezeption zurück.
Als sich die vier Freunde verabschiedeten, winkte er, ohne von seinem Buch aufzublicken. Er erschien ihnen fast geisterhaft.

  Nachdem Rübe Lerkje der Stoffpuppe Bilder dessen sandte, was Claubatius ihnen erzählt hatte, schien der Schlitten wie von selbst zu fahren. Hinaus aus dem Ort, über die weite Schneefläche. Sie brausten vorbei an verschneiten Bäumen, und die Lichter von Wassuwill verblichen in der Dunkelheit. Eine ganze Weile umgab sie nichts weiter als Schnee, der im seichten Mondschein glitzerte. Doch schließlich erreichten sie einen kleinen Ort,  und hier fuhr der Schlitten nicht weit. Einige Straßen, ja, einige Häuser passierte er, doch dann kam er vor einem kleinem, urigen Haus zum Stehen.
Sie klingelten. Es dauerte nicht lange, bis die Tür sich öffnete, und eine Frau hinausblickte, von der man hätte meinen können, das sie die Dame auf dem Foto mit der Stoffpuppe wäre. 
"Irmi?" fragte Cowboy.
"Ja," lautete ihre freundliche Antwort.
"Irmi, du bist doch die Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Enkelin von Evelyn?"
"Ja, meine Omimimimi," nickte sie.
Cowboy überreichte ihr mit beiden Händen die Stoffpuppe.
"Meine kleine Irmi," sagte das Püppchen.
"Meine liebste Lerkje!" rief Irmi leise und umarmte die Puppe.
"Sie ist von deiner Omimimi... wie auch immer," sagte Brakalasa.
"Lange habe ich sie gesucht, und nie gefunden. Wo war sie denn?" wollte Irmi wissen.
"Sie war..." 
Doch noch ehe Cowboy den Satz vollenden konnte, winkte Irmi sie herein. So erzählten sie ihr die Geschichte, wie sie Lerkje fanden - bei wärmender Schokolade und ein paar warmen, weich-knatschigen, mit einem Sahnehäubchen versehenen Keksen.


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