"Ich bin dran!" rief ein kleines Einhorn, und ein kleines, niedliches Zebra rief: "Nein, ich bin jetzt!" Die beiden stupsten sich immer wieder gegenseitig an der Schulter an.
"So, Schluss jetzt," brummte Cowboy. "Macht mal Pause!"
Er sah sie streng an, und die beiden senkten beschämt den Kopf, traten von einem Huf auf den anderen und waren ehrlich reumütig. Cowboy lächelte, nahm das kleine Einhorn auf eine Hand, das Zebra auf die andere.
"Seid brav, wir werden euch noch heute zu euren Lieben bringen! Versprochen."
Die kleinen Hufstofftierchen wieherten leise und freundlich, und waren auch friedlich, als Cowboy sie wieder auf dem Sofa absetze.
"Ich übernehme das Zebra," sagte Braka unvermutet, als sie einen mittäglichen Snack am Küchentisch verputzen.
"Wieso das?" fragte Pony mit dicken Backen, den Kuchen kauend.
"Ich hab' da so eine Ahnung," deutete Braka nur an.
"Heißt was?"
"Genau das, was ich sagte. Eine Ahnung."
Rübe zog die Augenbrauen hoch.
"Hmm, okay. Dann schließe ich mich dir an. Und ihr beiden -" sie deutete abwechselnd auf Cowboy und Pony, " - ihr übernehmt das Einhorn."
Cowboy strahlte über das ganze Gesicht.
"Sowieso!" Pony konnte ergänzend nur hinzufügen: "Unbedingt!" Die beiden klatschten sich ab. "Yesss!" grinste Pony noch.
Rübe folgte Braka in den Ort. Brakalasa lief zielstrebig. Ein wenig umständlich letztendlich, aber dennoch jeden Schrittes gewiss. Das Haus, vor dem sie nun standen, war von mehreren Leuten bewohnt. Man würde es wohl Hochhaus nennen können, wenn es denn hoch wäre. Zehn unterschiedliche Namen standen an den verschiedenen Klingelknöpfen.
"Wohin nun?" wollte Rübe wissen.
"Es ist im letzten Stock, mehr weiß ich nicht," antwortete Braka.
"Woher weißt du das denn überhaupt? Hast du eine Verbindung?"
Braka sah Rübe mit ernster Mine an.
"Ich kann es dir nicht sagen, Rübe, ich folge meinem Gefühl. Als ich das Zebra sah, da... es war... irgendwas kam rüber. Vielleicht wie bei dir sonst, wie bei deiner Gabe, aber ich habe das alles fühlen können. Es war einfach da."
Rübes Gesichtsausdruck verhieß ebenso Begeisterung wie Verwunderung, doch sie lächelte fröhlich.
"Ich bin sehr stolz auf dich, das du dich endlich mal ein bissi öffnest!" sagte sie und drücke Brakas Hand. Sie nickten einander zu, und traten in das Treppenhaus. Je höher sie stiegen, umso schmuddeliger wirkte das Haus. Als hätte jemand mit der Renovierung begonnen, und dann irgendwann einfach keine Lust mehr gehabt. Das Geländer, einst aus poliertem, dunklen Holz, war verstaubt und matt, rauh und abgegriffen. Einige Stufen waren locker, das Holz knarrte und garkzte unter ihren Tritten. Die Wandfarbe, schon lange abgeblättert, legte kalte Mauersteine frei, die eingeschlagen wirkten. Auf den Fluren, die zu den Wohnungen führten, hingen die Tapeten herab. In einer Ecke stand eine völlig vertrocknete Pflanze, die jahrelang weder Licht noch Wasser bekommen hatte.
"Zum Glück sieht das nicht der Cowboy," flüsterte Braka betroffen.
"Armes Pflänzchen, da kann nicht mal ich noch was machen." Rübe war so gar nicht wohl.
Im obersten Stock tropfte Wasser durch das Dach.
"Hier ist es," flüsterte Braka schließlich. "Ich kann da eine Aura sehen."
"Eine Aura?" rief Rübe und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, denn ihre Stimme klang in der seltsamen Stille des Hauses unerwartet laut. "Eine Aura?" wiederholte sie flüsternd. Braka nickte nur. Er klopfte bereits an die Tür.
"Ein Schimmern," wisperte Braka ganz, ganz leise. "Es ist einfach da."
Pony und Cowboy hatten einen kleinen, seichten Berghang erreicht, in den eine Alm gebettet war. Ziegen grasten hier, denn das Gras war wunderlicherweise kaum von Schnee bedeckt, obwohl selbst auf dem Stall- und dem Hüttendach dicke Schneedecken lagen.
Das Einhorn, das immer wieder im Zickzack-Kurs vor ihnen hersprang, hatte sie hierher geführt.
"Hau ab!" rief eine Stimme aus der Wohnung, als Braka erneut an die Wohnungstür klopfte.
"Hallo! Wir wollen nur kurz mit dir sprechen! Wir haben ein Geschenk für dich!"
Das kleine Zebra lag still in Brakas Bauchtasche. Es war völlig erschlafft, als wäre alle Energie aus ihm gewichen. Brakalasa sah Rübe bekümmert an und reichte ihr das kleine Stofftier. Sie hielt es kurz fest, von ihren Händen behütet, wie einen wertvollen Schatz. Einen Moment schien es, als strahle es einen warmen Schimmer aus; man konnte es nur sehen, wenn man genau hinsah. Rübe steckte das Zebra in ihre Manteltasche und streichelte es sanft.
"Haut ab! Ich will kein' seh'n!"
"Es ist wichtig, Sini!" rief Rübe nun.
Ein leises Poltern ertönte aus dem Wohnungsinneren. Schlurfende Schritte, undeutliches Gemurmel, das wütend klang. Die Verriegelung der Tür wurde geöffnet. Es mussten mindestens drei Schlösser sein. Durch den Türspalt sahen sie nun traurige Augen an. Müde Augen. Mit dicken, schwarzen Augenringen.
"Wer seid'n ihr überhaup'?"
Braka stellte sich und Rübe vor.
"Ja un', was soll mir das jetz' sag'n?"
"Bitte, lass uns kurz eintreten. Wir haben hier etwas für dich, das ganz, ganz wichtig ist!" Brakalasa setzte ein Lächeln auf, das ihn Angesichts der Situation viel Kraft kostete.
Die Türkette wurde gelöst, und die Frau schlurfte in die Wohnung zurück.
"Dann kommts hal' rein."
Er sah sie streng an, und die beiden senkten beschämt den Kopf, traten von einem Huf auf den anderen und waren ehrlich reumütig. Cowboy lächelte, nahm das kleine Einhorn auf eine Hand, das Zebra auf die andere.
"Seid brav, wir werden euch noch heute zu euren Lieben bringen! Versprochen."
Die kleinen Hufstofftierchen wieherten leise und freundlich, und waren auch friedlich, als Cowboy sie wieder auf dem Sofa absetze.
"Ich übernehme das Zebra," sagte Braka unvermutet, als sie einen mittäglichen Snack am Küchentisch verputzen.
"Wieso das?" fragte Pony mit dicken Backen, den Kuchen kauend.
"Ich hab' da so eine Ahnung," deutete Braka nur an.
"Heißt was?"
"Genau das, was ich sagte. Eine Ahnung."
Rübe zog die Augenbrauen hoch.
"Hmm, okay. Dann schließe ich mich dir an. Und ihr beiden -" sie deutete abwechselnd auf Cowboy und Pony, " - ihr übernehmt das Einhorn."
Cowboy strahlte über das ganze Gesicht.
"Sowieso!" Pony konnte ergänzend nur hinzufügen: "Unbedingt!" Die beiden klatschten sich ab. "Yesss!" grinste Pony noch.
Rübe folgte Braka in den Ort. Brakalasa lief zielstrebig. Ein wenig umständlich letztendlich, aber dennoch jeden Schrittes gewiss. Das Haus, vor dem sie nun standen, war von mehreren Leuten bewohnt. Man würde es wohl Hochhaus nennen können, wenn es denn hoch wäre. Zehn unterschiedliche Namen standen an den verschiedenen Klingelknöpfen.
"Wohin nun?" wollte Rübe wissen.
"Es ist im letzten Stock, mehr weiß ich nicht," antwortete Braka.
"Woher weißt du das denn überhaupt? Hast du eine Verbindung?"
Braka sah Rübe mit ernster Mine an.
"Ich kann es dir nicht sagen, Rübe, ich folge meinem Gefühl. Als ich das Zebra sah, da... es war... irgendwas kam rüber. Vielleicht wie bei dir sonst, wie bei deiner Gabe, aber ich habe das alles fühlen können. Es war einfach da."
Rübes Gesichtsausdruck verhieß ebenso Begeisterung wie Verwunderung, doch sie lächelte fröhlich.
"Ich bin sehr stolz auf dich, das du dich endlich mal ein bissi öffnest!" sagte sie und drücke Brakas Hand. Sie nickten einander zu, und traten in das Treppenhaus. Je höher sie stiegen, umso schmuddeliger wirkte das Haus. Als hätte jemand mit der Renovierung begonnen, und dann irgendwann einfach keine Lust mehr gehabt. Das Geländer, einst aus poliertem, dunklen Holz, war verstaubt und matt, rauh und abgegriffen. Einige Stufen waren locker, das Holz knarrte und garkzte unter ihren Tritten. Die Wandfarbe, schon lange abgeblättert, legte kalte Mauersteine frei, die eingeschlagen wirkten. Auf den Fluren, die zu den Wohnungen führten, hingen die Tapeten herab. In einer Ecke stand eine völlig vertrocknete Pflanze, die jahrelang weder Licht noch Wasser bekommen hatte.
"Zum Glück sieht das nicht der Cowboy," flüsterte Braka betroffen.
"Armes Pflänzchen, da kann nicht mal ich noch was machen." Rübe war so gar nicht wohl.
Im obersten Stock tropfte Wasser durch das Dach.
"Hier ist es," flüsterte Braka schließlich. "Ich kann da eine Aura sehen."
"Eine Aura?" rief Rübe und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, denn ihre Stimme klang in der seltsamen Stille des Hauses unerwartet laut. "Eine Aura?" wiederholte sie flüsternd. Braka nickte nur. Er klopfte bereits an die Tür.
"Ein Schimmern," wisperte Braka ganz, ganz leise. "Es ist einfach da."
Pony und Cowboy hatten einen kleinen, seichten Berghang erreicht, in den eine Alm gebettet war. Ziegen grasten hier, denn das Gras war wunderlicherweise kaum von Schnee bedeckt, obwohl selbst auf dem Stall- und dem Hüttendach dicke Schneedecken lagen.
Das Einhorn, das immer wieder im Zickzack-Kurs vor ihnen hersprang, hatte sie hierher geführt.
"Hau ab!" rief eine Stimme aus der Wohnung, als Braka erneut an die Wohnungstür klopfte.
"Hallo! Wir wollen nur kurz mit dir sprechen! Wir haben ein Geschenk für dich!"
Das kleine Zebra lag still in Brakas Bauchtasche. Es war völlig erschlafft, als wäre alle Energie aus ihm gewichen. Brakalasa sah Rübe bekümmert an und reichte ihr das kleine Stofftier. Sie hielt es kurz fest, von ihren Händen behütet, wie einen wertvollen Schatz. Einen Moment schien es, als strahle es einen warmen Schimmer aus; man konnte es nur sehen, wenn man genau hinsah. Rübe steckte das Zebra in ihre Manteltasche und streichelte es sanft.
"Haut ab! Ich will kein' seh'n!"
"Es ist wichtig, Sini!" rief Rübe nun.
Ein leises Poltern ertönte aus dem Wohnungsinneren. Schlurfende Schritte, undeutliches Gemurmel, das wütend klang. Die Verriegelung der Tür wurde geöffnet. Es mussten mindestens drei Schlösser sein. Durch den Türspalt sahen sie nun traurige Augen an. Müde Augen. Mit dicken, schwarzen Augenringen.
"Wer seid'n ihr überhaup'?"
Braka stellte sich und Rübe vor.
"Ja un', was soll mir das jetz' sag'n?"
"Bitte, lass uns kurz eintreten. Wir haben hier etwas für dich, das ganz, ganz wichtig ist!" Brakalasa setzte ein Lächeln auf, das ihn Angesichts der Situation viel Kraft kostete.
Die Türkette wurde gelöst, und die Frau schlurfte in die Wohnung zurück.
"Dann kommts hal' rein."
Beide Zwerge traf der Schlag, als sie die Wohnung betraten. Es war nicht heruntergekommen, es war runtergelebt. Die Bude stank nach verbranntem Essen, Rauch, Schimmel und Staub. Der Boden - einst ein eleganter Teppich mit reizvollem Muster - war abgetragen und grau. Die Tapete kam von den Wänden (wie schon im Treppenhaus), Löcher waren in die Wand geschlagen, die so groß waren, das ein Puppenkopf hineingepasst hätte. In der Küche stapelten sich Geschirr und Töpfe, die wohl schon lange ausrangiert hätten werden müssen. Der Fernseher lief, die Farbe fast nur noch Orange, ein Bild konnte man nicht mehr so richtig erkennen. Die Vorhänge waren zugezogen, sofern möglich, denn sie waren durchlöchert, zudem die beiden Gardinenstangen halb herunterhingen. Eine Frage der Zeit, wann sie hinunterfallen würden. Zeitungspapier lag verstreut auf dem Boden. Auf dem kleinen Tisch vor dem abgewrackten, durchgesessenen Sofa stand ein Aschenbecher, der vor Stummeln überquoll, die sich auch auf dem Tisch und dem Boden verbreitet hatten. Ein einziges Bild hing an der Wand, dessen Glasscheibe zur Hälfte herausgefallen war. Weiß der Kuckuck, wo die Scherben liegen mochten.
Die Frau zündete sich eine Zigarette an, goss sich ein Glas ein, prostete ihnen stumm zu, hickste, und fragte lallend:
"Was woll' ihr denn nu'?"
Brakalasa ließ sich neben ihr auf dem schmutzigen Sofa nieder.
"Sini," sagte er. "Was ist dir passiert? Wie kam es soweit?"
"Woher kenns' su meinen Nam'n?" fragte sie.
"Ich bin der Pilzebub," lächelte Braka. "Ich kenne ihn einfach."
Rübe musste sich in diesem Moment eingestehen, das sie nichts verstand. Woher kannte Braka sie? Was war das für eine Verbindung? Doch auch sie ließ sich neben Sini nieder, die sie nur mit hochgezogener Augenbraue und schief grinsend ansah. Nach einem erneuten Schluck seufzte sie.
"Nix 's' passiert," lallte sie. "Bin nur alt geword'n."
Rübe seufzte.
"Nein, das passiert nicht, nur weil man alt wird," und sie machte eine ausschweifende Geste über den - ja, anders kann man es leider nicht nennen - Dreckstall, der sich hier darbot.
"Ich war ja mal wer," seufzte Sini schwer. "Hab' hier Werbung für's Dorf gemacht. War auch mal mein Haus. Hick. Aber dann kam so einer, der mich heirat'n wollte. Mit Ausbildung und so. Hab's gemacht. Un' dann hat er mich verlass'n. Hick. Weggegan'n. Hat das Haus genomm'n. Durfte dann noch hier woh'n. Ausbildung weg. Haus weg. Mann weg. Kind weg. Hick. Ich weg. Und hier bin ich jetz'. Hick. Da gab's keine Hoffnung mehr. Aus mir is' nix mehr geword'n. Hick."
Sini atmete - vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit - tief durch. In ihren Augen lag Scham und tiefe Traurigkeit.
"Ich wollt' ja nie so sein, weiss' du. Als alles weg war, war's mir egal. Hatt' ja noch mein Kindlein. Hick. Da kam der, hat's mir weggenomm'. Hat gesagt, ich bin nix wert. Hat ja wohl recht."
Sie sah die beiden kleinen Menschen abwechselnd an. Eine Träne lief ihre Wange hinunter.
"Ich hab's Leben ja geliebt. Werbung machen war so groß für mich. War so toll das Leb'n. Aber ich bin halt so. So wie ich bin. Da is' einfach was rausgeschnitt'n wor'n. Mein Kind."
Als sie das Glas mit dem Wein greifen wollte, legte Braka sanft die Hand auf die ihre.
"Wir haben hier was für dich," nickte er Rübe zu, die nun das kleine Zebrastofftier aus der Manteltasche zog.
Sini sah das kleine Zebra an, hickste einige Male und lachte bitter.
"Un' das soll mir jetz' helfen, wa'?"
Rübe legte es auf ihren Schoß. Sini wollte es wegschnicken, wegwischen, doch als ihre Hand über das weiche, kleine Wesen strich, liefen die Tränen über ihre Wangen. Sie nahm es hoch, presste es an ihre Wange und gab ihm einen Kuss auf die weiche Schnauze.
"Sisu!" flüsterte sie. "Mein Sisu!"
Ein gleißendes Licht erstrahlte im gesamten Raum, der Boden bebte seicht, Sini und die Zwerge wurden in die Luft gehoben. Behagliche Wärme erfüllte die kalte Wohnung, die Wände schienen zu vibrieren. Langsam wandelte das grelle, weiße Licht sich in angenehmes, sattes Gelb, dann Orange, und feuergleich flackerte es hinunter zu einem wunderbar lodernden Kaminfeuer, das sich wie von Zauberhand im Ofen selbst entzündete.
Die Frau zündete sich eine Zigarette an, goss sich ein Glas ein, prostete ihnen stumm zu, hickste, und fragte lallend:
"Was woll' ihr denn nu'?"
Brakalasa ließ sich neben ihr auf dem schmutzigen Sofa nieder.
"Sini," sagte er. "Was ist dir passiert? Wie kam es soweit?"
"Woher kenns' su meinen Nam'n?" fragte sie.
"Ich bin der Pilzebub," lächelte Braka. "Ich kenne ihn einfach."
Rübe musste sich in diesem Moment eingestehen, das sie nichts verstand. Woher kannte Braka sie? Was war das für eine Verbindung? Doch auch sie ließ sich neben Sini nieder, die sie nur mit hochgezogener Augenbraue und schief grinsend ansah. Nach einem erneuten Schluck seufzte sie.
"Nix 's' passiert," lallte sie. "Bin nur alt geword'n."
Rübe seufzte.
"Nein, das passiert nicht, nur weil man alt wird," und sie machte eine ausschweifende Geste über den - ja, anders kann man es leider nicht nennen - Dreckstall, der sich hier darbot.
"Ich war ja mal wer," seufzte Sini schwer. "Hab' hier Werbung für's Dorf gemacht. War auch mal mein Haus. Hick. Aber dann kam so einer, der mich heirat'n wollte. Mit Ausbildung und so. Hab's gemacht. Un' dann hat er mich verlass'n. Hick. Weggegan'n. Hat das Haus genomm'n. Durfte dann noch hier woh'n. Ausbildung weg. Haus weg. Mann weg. Kind weg. Hick. Ich weg. Und hier bin ich jetz'. Hick. Da gab's keine Hoffnung mehr. Aus mir is' nix mehr geword'n. Hick."
Sini atmete - vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit - tief durch. In ihren Augen lag Scham und tiefe Traurigkeit.
"Ich wollt' ja nie so sein, weiss' du. Als alles weg war, war's mir egal. Hatt' ja noch mein Kindlein. Hick. Da kam der, hat's mir weggenomm'. Hat gesagt, ich bin nix wert. Hat ja wohl recht."
Sie sah die beiden kleinen Menschen abwechselnd an. Eine Träne lief ihre Wange hinunter.
"Ich hab's Leben ja geliebt. Werbung machen war so groß für mich. War so toll das Leb'n. Aber ich bin halt so. So wie ich bin. Da is' einfach was rausgeschnitt'n wor'n. Mein Kind."
Als sie das Glas mit dem Wein greifen wollte, legte Braka sanft die Hand auf die ihre.
"Wir haben hier was für dich," nickte er Rübe zu, die nun das kleine Zebrastofftier aus der Manteltasche zog.
Sini sah das kleine Zebra an, hickste einige Male und lachte bitter.
"Un' das soll mir jetz' helfen, wa'?"
Rübe legte es auf ihren Schoß. Sini wollte es wegschnicken, wegwischen, doch als ihre Hand über das weiche, kleine Wesen strich, liefen die Tränen über ihre Wangen. Sie nahm es hoch, presste es an ihre Wange und gab ihm einen Kuss auf die weiche Schnauze.
"Sisu!" flüsterte sie. "Mein Sisu!"
Ein gleißendes Licht erstrahlte im gesamten Raum, der Boden bebte seicht, Sini und die Zwerge wurden in die Luft gehoben. Behagliche Wärme erfüllte die kalte Wohnung, die Wände schienen zu vibrieren. Langsam wandelte das grelle, weiße Licht sich in angenehmes, sattes Gelb, dann Orange, und feuergleich flackerte es hinunter zu einem wunderbar lodernden Kaminfeuer, das sich wie von Zauberhand im Ofen selbst entzündete.
Als sie endlich wieder sehen konnten, schwebten Sini und Sisu in der Mitte des Raumes, ihre Körper umgeben von einer warmen Aura blauen Lichts. Die Möbel, die Wände, der Boden - alles schien wie neu. Nicht, als hätte es jemand renoviert, das ist ja lächerlich - sondern als wäre dies ein völlig anderer Ort!
Rübe und Braka erhoben sich.
"Ich bin nun zu Hause!" sagte Sini mit einer Stimme, die so klar und rein war wie ein plätschernder Bach im Sommer. "Danke, das ihr mir Sisu wiedergegeben habt!"
Die beiden hielten sich an den Händen - nun ja, an Hand und Huf - und in einem Wirbel aus bunten Farben vereinten sie sich zu einer einzigen Aura, die pulsierte und wuchs, die pochte wie ein einziges, riesiges Herz, voller Energie und Lebensfreude, umrahmt von einem leuchtenden Glanz, und nach einigen Minuten mit einem funkelnden Sprühen verglühten sie.
Als Braka und Rübe die Augen öffneten, saß Sini noch immer zwischen ihnen, das kleine Zebra in den Armen haltend. Ihre Augen waren geschlossen, doch sie lächelte glücklich. Sisu, das Zebra, war ebenso schlaff und leblos wie Sini, die arme Seele.
"Sie sind zu Hause," sagte Rübe leise und ehrfurchtsvoll.
Braka nickte mit traurigem, aber hoffnungsvollem Blick.
"Vielleicht ist sie jetzt endlich glücklich."
Sie verließen die Wohnung. Doch noch während sie durch das Treppenhaus liefen, fiel ihnen auf, das kein Wasser mehr vom Dach hinabtropfte, und auch, das die Pflanze wieder lebte und gedeihte, die Fenster sauber waren, die Wände dicht und ohne Makel, und auch keine Tapete herab hing. Das feine Holz des Treppengeländers wirkte wie frisch poliert, auch die Treppenstufen wackelten und knarrten nicht mehr.
"Sisu hat's gerichtet," lächelte Braka, und Rübe konnte nur hoffnungsvoll nicken.
Als sie vor die Tür des Hauses traten, erstrahlte dieses in einem seichten Glanz.
"Ein Gläschen auf den Schrecken?" fragte Braka.
Rübe nickte: "Ein Gläschen auf die Hoffnung." Sie hakten sich unter und kehrten in die nächstegelegene Wirtschaft ein.




So schön und doch so traurig. Ist Sini wirklich tot? 😢
AntwortenLöschen