Donnerstag, 14. Dezember 2023

Kapitel 14: Versteinert

 Der Heimweg war leicht, denn irgendetwas hatte sich verändert. Das Licht, womöglich. Es erschien den vier Freunden tatsächlich so, als begleite sie ein permanenter Schimmer, ein kleiner, sanfter Schein, der ihnen den Weg nicht nur leuchtete, sondern auch erleichterte. Ihnen war nicht mehr so kalt, die Beine nicht mehr so schwer. Mochte sein, es lag an dem mühseligen Aufstieg, mochte sein, es lag an dem Lichtlein selber.
Doch kaum zur Tür ihres Ferienhauses eingetreten, hörten sie eine rauhe Stimme:
"Jetzt ist es Zeit für mich, zu gehen."
Cowboy schnaufte leise.
"Ich sehe schon, ich komme heut' nicht mehr ins Bett," seufzte auch Braka.
Nur Pony schien begeistert.
"Perfekt!" rief er leise aus. "Jetzt haben wir ein wenig mehr Licht, und können noch was machen!"
"Was machen?" sagte Rübe etwas zerknirscht und fiel auf einen Sessel. Wie immer wurde sie bei der Wärme in der Hütte träge und müde. "Was machen meint er..." Sie lächelte abgeschlafft und schloss die Augen.
"Ja," sagte Pony und hoffte, er könnte die anderen ein klein wenig animieren.
"Das einzige, das ich noch machen werde," und Rübe betonte das Wort 'machen' nachdrücklich, "ist mich ins Bett unter die Decken zu kuscheln!"
"Aber ich muss jetzt gehen," sagte die raue Stimme etwas ungeduldig.
"Pony..." begann nun Cowboy. "Es reicht für heute."
"Aber ich war das doch gar nicht!" maulte Pony leicht mürrisch.
"Ich war es! Hier! Hallo!" Es war, als raunte die raue Stimme ihnen den Weg. Und da war er: als sich die Zwerge das Sofa besahen, im Schein des Kaminfeuers, sah eine Figur sie skeptisch und auffordernd zugleich an. Braka hatte sich mit ausgestreckten Beinen auf einen Sessel gelegt und seufzte tief.
"Es ist Nacht, und ich muss jetzt gehen. Alles andere ist nicht zulässig."
Cowboy zog eine Augenbraue hoch.
"Seit ihr hier seid gab es doch so einige Nächte. Warum ausgerechnet jetzt?"
"Der Mond," antwortete die Figur, deren Stimme nun ungeduldig klang.
"Gut, dann jetzt. Gib' uns noch ein paar Minuten," sagte Braka in diplomatischem Tonfall. "Nur für einen kurzen Kakao. Dann geht's los."
Ein Pilzebub, ein Wort.
Die Spielzeugfigur, eine violette Gestalt mit einem skeptischem Auge, deligierte sie zu einem Ort "mit vielen Steinen". Cowboy dachte im ersten Moment geistig stöhnend an die Berge und einen erneuten Aufsteig in solche; Rübe hoffte, das es sich hierbei um einen trivialen Pflastersteinweg handeln möge, der sie ins Dorf und zu einem kleinen, mitternächtlichen Imbiss führen würde; Brakalasa genoss die nächtliche Ruhe und war in Gedanken noch immer bei der wunderschönen Sternenkatie; Pony dachte bei den Schlagworten "viel Steine stehen herum" an einen Friedhof. Wie Recht er haben sollte!

  Der Friedhof von Wassuwill lag ganz am Rand des kleinen Dörfchens. Er war sehr, sehr klein und somit äußerst überschaubar. Rübe blickte zum Mond hinauf, der kaum zu sehen war.
"Wieso heute?" flüsterte sie der Spielzeugkreatur zu. "Was ist so besonderes am heutigen Mond?"
Die Kreatur räusperte sich geräuschvoll. Etwas entrüstet antwortete das Spielzeug:
"Gestern war Neumond, wusstest du das nicht? Die Nacht nach dem Neumond ist ganz besonders. Aber das wirst du schon noch erfahren."
Rübe zog eine Augenbraue hoch und war entsetzt, das ihre Frage so viel Unmut bei dem Spielzeug hervorgerufen hatte. Naja, möglicherweise war er - wie einst der übellaunige Teddy - einfach immer schlecht gelaunt.
Sie liefen kreuz und quer über den Friedhof, denn Wege gab es hier nicht. Man musste sich über das Feld mit frostigem Boden und gefrorenem Laub navigieren, wenn man die Grabstätte eines Verstorbenen besuchen wollte.
"Da vorne ist es!" rief die Figur plötzlich laut aus. "Da vorne!"
Da die Kreatur lediglich sowas ähnliches wie Spaghetti als Arme und zudem keine Hände oder Finger besaß, war es schwer, genau folgen zu können. Die vier Freunde liefen somit ein wenig unkoordiert zwischen den Grabsteinen herum, bis die violette Kreatur sie endlich in die richtige Richtung bringen konnte. Und nun hörten sie ein Knirschen. Eine Stimme, als würde jemand Steine kauen, gurrte:
"Endlich, endlich! Da seid ihr ja!"
Aus der Entfernung und in der Finsternis - trotz das Sternenkaties kleines Schimmern sie nun begleitete - konnte keiner der Zwerge etwas Genaues erkennen. Beim Näherkommen sahen sie lediglich einen Grabstein, auf dem etwas hockte. Cowboy schauerte, für sowas war er ja nicht geschaffen, und auch Braka lief eine Gänsehaut über die Arme. Während Rübe in gebührendem Abstand innehielt, näherte Pony sich neugierig und auch ein klein wenig begeistert dem Grabmahl.
"Hallo!", drang Ponys Stimme offenherzig durch die Nacht. "Ich bin Pony."
"Hallo auch," erwiderte die steinerne Stimme, "ich heiße Franz. Und wie ihr sehen könnt, bin ich ein Gargoyle."
Die Stimme kicherte in eben diesem steinmahlenden Tonfall.
"Ihr habt mir meinen Kilano gebracht. Dafür danke ich euch sehr."
Pony setzte das Spielzeug neben den kleinen Gargoyle auf dem Grabstein.
"Die Nacht ist mein Freund," sprach Franz knirschend, "denn die Sonne vertrage ich nicht. Die Nacht nach dem neuen Mond ist magisch. Der Mensch, der hier begraben liegt, wusste dies. Er hatte besondere Fähigkeiten. Ich war einst ein Lebewesen, das in der Sonne wandeln konnte. Doch eine Nacht nach Neumond brachte er einen Fluch über mich, der mich auf ewig an ihn fesseln sollte und mich zu ewiger Einsamkeit verdammte... außer ich würde einen Gefährten finden, der an meiner Seite weilt. Nur so kann ich lebendig sein... wenn auch nur in der Nacht. Ihr habt meinen Fluch gelöst... ihr habt mich befreit."
Gargoyle Franz zischelte Worte in einer unverständlichen Sprache. Alle warfen erwartungsvolle Blicke auf Pony, der in sehr vielen magischen Sprachen bewandert war. Doch hier konnte er nur passen, diese Sprache kannte er nicht. Kaum das Franz seinen Zauberspruch vollendet hatte, wurde Kilano, das Spielzeug, ebenfalls zu Stein. Grimmig, wie er zuvor erschienen war, sah er nun glücklich aus.
"Danke, das ihr mich nach Hause gebracht habt," sagte Kilano. Ein Spaghetti-Arm schien ihnen noch zuzuwinken, ehe er vollends zu Stein wurde.
Die vier Freunde verharrten noch einen Moment. Dann ging es ab nach Hause. 


1 Kommentar:

  1. Wow! Halloween-touch in einer X-Mas-Story! Brillant übergeleitet! Capeau!
    *Hände reib* genau mein Ding! 😎

    AntwortenLöschen