Samstag, 23. Dezember 2023

Kapitel 23: Extraterrestrisch

   Ein mitternächtlicher Hunger führte Pony in die Küche. Er griff sich eine Schale Nüsse, schenkte sich eine Tasse Kakao ein, und ließ sich auf einem Sessel im Wohnzimmer nieder. Während er die Erdnüsse in Schale knackte, schweifte sein Blick zu dem Sessel, auf dem die restlichen Spielzeuge schlummerten. Naja, restlich. Genau genommen waren es nur noch zwei. Und eines davon - Pony kicherte ganz leise bei diesem Gedanken - sah fast so aus wie eine Erdnuss. In rosa. Aber von der Form her schon irgendwie so... Er hielt die ungeschälte Erdnuss vor sein Gesicht, kniff ein Auge zu, und glich sie mit der Form des schlafenden Spielzeugs ab.
"Japp," wisperte er, "eindeutig eine Erdnuss."
Nachdem sein kleiner Jieper gestillt war, saß er noch einen Augenblick und genoss die Ruhe. Und gähnte groß. Und schloss nur ganz kurz, ganz, ganz kurz, nur für eine Sekunde, die Augen. Und schlief ein. 

"Aber ich habe es ganz deutlich gesehen!" beharrte Pony.
"Das glaub' ich dir ja," beschwichtigte Rübe ihn. "Aber du sagtest, das du geschlafen hast. Bist du sicher, das es kein Traum war?"
Pony nickte und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust um zu zeigen, wie ernst es ihm war.
"Gut, dann werden wir in die Berge fahren und sehen, ob was dran ist an deiner Vision," nickte Cowboy energisch. So wie Cowboy das Wort "Vision" betonte, klang es nicht, als würde er ihn ernst nehmen. Doch Pony wusste genau, wovon er sprach. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen:
Mitten in den Bergen, also so richtig in den Bergen, nämlich in den Felsen, befand sich eine Wohnstatt, ein Haus könnte man sagen. Nicht einfach eine Höhle also, sondern eine richtige Unterkunft. Allerdings konnte man sie von außen nicht erkennen. Nur mit magischem Blick war es möglich, den Eingang zu finden. Und hier, genau hier, gehörte die rosafarbene Erdnuss hin. Nein, keine Erdnuss, sondern das Spielzeug, das einer Erdnuss ähnelte. Wer hier lebte, hatte er nicht genau erkennen können. Es schien, als wäre es kein Mensch. Und auch kein Yeti. Kein Tier. Eine etwas andere, mysteriöse, vielleicht magische Lebensform.
Pony bat Brakalasa, ein Pulver zu mischen, das die Eigenschaft hatte, für einen Sekundenbruchteil Unsichtbares sichtbar zu machen. Inzwischen 
schmissen sich die anderen beiden Zwerge in ihre Winterklamotten und machten den Schlitten bereit. Pony sagte noch: "wir sollten Pizza mitbringen," als sie bereits losgefahren waren. Einen Schlenker zur Pizzeria konnten sie durchaus bewekstelligen, auch wenn - bis auf Rübe - die anderen dachten, das Pony einer Illusion unterliegen würde. Und wenn schon, dann hätten sie eben was zu Futtern.
  Ihre Fahrt führte sie, und diesmal übernahm ganz allein Pony das Steuer, recht hoch in das Gebirge nahe Hossaklauba. Dieses malerische Örtchen lag eingebettet in eine wahrhaft majestätische Gebirgslandschaft. Doch ihre Fahrt sollte natürlich nicht am Fuß der Berge enden, sondern führte sie immer weiter hinauf. Zuweilen ging es so steil bergauf, das Pony sich stark konzentrieren musste, damit der Schlitten nicht an den scharfen Felskanten hängen blieb oder gar überkippte und sie alle - wie es schon einmal der Fall war - purzelnd im Schnee landeten. Und dann - stoppte er.
"Hier ist es," sagte er.
"Wo jetzt?" fragte Cowboy, skeptisch eine Augenbraue hebend.
Pony umriss mit den Händen einen recht großen Abschnitt des Felsens, vor dem sie standen.
"Aber hier ist nur Gestein. Nur Berge, Pony."
"Nein, eben nicht!"
Pony bedeutete mit einer Geste Braka, ihm das Pülverchen zu überreichen. Mit einer aufwändigen Zauberformel warf Pony das Pulver in die Luft, vollführte eine Geste mit den Händen, raunte einen weiteren Spruch und für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als gäbe es keine Felsen mehr, ganz so als wären sie durchsichtig. Sie konnten einen flüchtigen Blick auf eine Unterkunft werfen, die wie eine ganze Wohnung wirkte. Eisig, aber doch eine Behausung.
Als die Felsen sich wieder manifestierten, streckte Pony den anderen die Zunge raus: "Seht ihr! Kein Traum!"
Wie sie hineinkommen sollten, war unklar, somit probierten sie es mit der klassischen Methode: einfach laut rufen. Sehr zu ihrer aller Überraschung hörten sie kurz darauf eine Stimme aus dem Inneren des Berges:
"Ich habe keine Pizza bestellt! Und wenn ja, dann einfach vor der Tür abstellen! Dankeee!"
Wie in einem Traum (ha, ha!) wurde eine Tür sichtbar. Mitten im Felsen. Einfach so. Als wäre es das normalste überhaupt.
"Wir haben zwar Pizza, aber wir wollten dir eigentlich ein Geschenk bringen!" rief Pony ganz laut, so laut, das nach einer Minute die Tür geöffnet wurde und eine Gestalt - sie war nur schemenhaft zu erkennen - mürrisch sagte:
"Okay, okay. Kommt rein. Aber bitte hört auf, hier so rumzuschreien! Schon mal was von Lawinen gehört? Die sind echt lästig."
Und so traten die Zwerge in den Berg.

Ein warmes Feuer aus blauem Licht glimmte in der Behausung. Naja, eigentlich brannten mehrere dieser Feuer, wenn man es genau nimmt. Nämlich kleine Flammen, die überall schwebten. Der Berg war ausgehöhlt, mit hoher Decke und einem enorm großen Raum, in dem Möbel standen. Keine Holzmöbel, sondern Möbel aus Stein und Eis. Hier und da lagen Felle, die auf den ersten Blick wie Tierfelle wirkten, sich aber bei näherer Betrachtung als Plüschfell entpuppten. Auch Decken gab es, Kissen, Vorhänge. Lauter Kuschelzeugs, das überall für Gemütlichkeit sorgte. Der Fernseher lief... Moment mal! Fernseher? Hier?
Nun zeigte sich auch ihr unfreiwilliger Gastgeber.
"Willkommen, Fremde," begrüßte er sie und klang etwas ironisch. "Mein Name ist Fox und ich komme nicht von der Erde, wie ihr vielleicht schon bemerkt haben werdet." Mit einer Hand formte er ein Victory, mit der anderen den vulkanischen Gruß. "Oder wie auch immer man sich bei euch begrüßt..." fügte er hinzu.
"Hallo... ähm... Fox. Moment mal! Fox?"
"Ja," sagte das Alien, "nach einem Protagonisten in einer meiner Lieblingsserien. Ich dachte, das ist ein passender Name. Bisher hat sich weder jemand beschwert, noch gewundert. Ihr seid dann wohl die ersten."
Rübe und Braka waren sofort hellauf begeistert. Rübe giggelte, Braka reichte dem Außerirdischen überschwenglich die Hand. Pony grinste zufrieden. Nur Cowboy schien sich ein wenig unwohl zu fühlen. 
"Es gibt keine Pflanzen hier," murmelte er.
"Natürlich nicht," antwortete Fox. "Es ist ein Berg... mitten im Eis."
Nun schien Cowboy doch aufzutauen, im wahrsten Sinne des Wortes, und er hatte so einiges anzumerken.
"Also es gibt ja nun genug Pflanzen, die auch im härtesten Winter in der dicksten Kälte leben können. Hast du schon mal an die Schlafende Murmelin, die speckige Fresslilie, den Frosthahnenfuß, den Eiskaktus oder die balduinische Gangis gedacht? Hier gibt es so einige nette Plätzchen, an denen sie sich wohlfühlen würden!"
Alien Fox stieg direkt darauf ein, und so spazierten die beiden gemeinsam von einem Platz zum nächsten. Rübe, Pony und Braka blieben erstaunt und schulterzuckend stehen. Sie hörten noch Fox sagen: "Ich dachte ja auch an die Hängende Mahlwurzel für diese Ecke, aber ich war mir nicht sicher" und dann verhallten die Stimmen der beiden. Es dauerte eine ganze Weile, in der es sich die drei Zwerge einfach mal ganz frei weg auf einem Sofa gemütlich machten. Nach einer gefühlten Ewigkeit stießen Fox und Cowboy wieder zu ihnen, sich gegenseitig freundschaftlich an der Schulter anrempelnd. 
"Wie unhöflich von mir," sagte Fox. "Mögt ihr etwas trinken? Oder einen Snack?"
"Snack? Snaaack?" grinste Braka. "Haben wir doch dabei! Pizza!"
Fox rieb sich die Hände und grinste breit. "Dann mal los!"

So wurde die Pizza heiß gemacht, sie genossen dabei einen glühenden Eiswein mit Schüsschen, und wollten allesamt von Fox wissen, wie er denn hier gelandet sei - und das im wortwörtlichen Sinne.
"Das ist nicht schwer," mampfte der Alien. "Ich wollte nur einen romantischen Ausflug zwischen die Sterne unternehmen. Ich hatte mal was von einer Katie gehört, und dachte, ich besuch' sie mal auf einen Abstecher. Dummerweise hatte ich völlig verpeilt meinen Sprit aufzufüllen. Tja, so bin ich abgestürzt. Genau hier. Und da ich nicht mehr zurück komme mangels Treibstoff, hab' ich es mir hier doch recht gemütlich gemacht. Ich hatte schon Kontakt zu Erdlingen, aber ich halte mich doch lieber bedeckt. Meine Kapazität mich selber als Menschling zu tarnen ist nämlich begrenzt."
 "Aber so ganz isoliert... das ist echt unschön," bemerkte Rübe. "Wir haben die Tage Benny getroffen, ein Pflanzenwesen. Er lebte viele Jahrzehnte ganz allein. Und Rudy Gomez - auch etwas sehr isoliert. Traurige Sache ist das."
Fox lachte auf. 
"Rudy, ja, den alten Schlawiner kenne ich noch von früher, als er jünger war. Steckt immer voller Ideen. Kann sie umsetzen, aber hält dann nichts davon. Habe aber keinen direkten Kontakt zu ihm. Wie dem auch sei -" er biss ein großes Stück Pizza ab, kaute rasch und fuhr fort, " - soweit ich weiß, sind hier alle nett. Aber so wirklich nach draußen gehen... so wie ich bin... das ist mir zu unsicher."
"Aber das muss es gar nicht," beteuerte Pony. "Das da draußen sind liebe, gute Menschen. Sie akzeptieren einen so, wie man ist."
Fox wiegte den Kopf hin und her. 
"Mag sein, aber ich habe ja noch Zeit, mir das zu überlegen."
Einen kurzen Moment herrschte Stille.
"Apropos Sterne und Katie -" warf nun Braka ein. "Wir haben Sternenkatie dieser Tage getroffen. War sie es, die du treffen wolltest?" 
Fox' Augen leuchteten und er nickte eifrig.
"Kannst du mich ihr vorstellen?" wollte er mit erwartungsvollem Blick wissen.
"Mal schauen, ob wir da was drehen können," zwinkerte Rübe.

Sie waren nach einer mehr als üppigen Pizza-Schlemmerei und mehreren Runden glühendem Eiswein mit - hicks - so einigen Schüsschen schon auf dem Weg nach draußen, als ihnen siedendheiß einfiel, weshalb sie überhaupt hergekommen waren: sie wollten die rosa Erdnuss (ja, Pony hatte sie nun so getauft) doch ihrem Zugehörigen überbringen.

Fox' Augen weiteten sich. Es sah schon ein wenig befremdlich aus so auf den ersten Blick, doch als er ihnen dann dankte, wussten sie, das es ein Zeichen der Begeisterung und des Hochgefühls war.


2 Kommentare:

  1. Fox, hahahahahahaha, Fox! Ich lach mich schlapp! Das ist genial! 😂😎

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  2. Ach so, vergessen zu erwähnen, wie geil ich Fos T-Shirt find! Kannst du es mal irgendwann so posten, also das man es ganz sehen kann? Ich will es haben! 😁

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