Freitag, 22. Dezember 2023

Kapitel 22: Ein schlichtes Gemüt

  "Ich war nie klug, hehe." Kalli kicherte und verzog das Gesicht, als würde er sich schämen. Er wackelte mit einem Fuß und pochte mit den Fingern auf sein Knie. "Aber ich hab' immer alles so gut gemacht, wie ich kann. Ich wollte immer alles heil machen. Wenn einer 'nen Toaster weggeworfen hat, hab' ich ihn mitgenommen und repariert. Das Toast ist immer noch fast verbrannt, man muss das vorher rausholen. Aber der Toaster ist noch gut. Den muss man nicht wegwerfen. Und auch die Töpfe für die Blumen. Man kann ja was anderes damit machen. Zum Beispiel ein Windspiel oder sowas. Oder ein Stuhl der wackelt. Den kann man doch wieder reparieren... Manche schmeißen eben alles weg, auch wenn es noch brauchbar is'."
Er sah die Zwerge schüchtern an. Dann warf er einen Blick neben sich: hier saß sein zugehöriges Spielzeug, das nun gar nicht mehr so wie ein Spielzeug wirkte. Das dicke Tierchen, das wohl ein Hörnchen sein sollte, grinste freundlich. Kalli streichelte es über den Kopf.
"Und wolltest du schon immer Handwerker werden?" fragte Pony.
Kalli lachte durch die Nase. "Nein, ich wollte nur alles heil machen. Ich wollte nicht, das was kaputt ist. Es ist zu schade, wenn man die Sachen einfach wegwirft. Man kann alles reparieren. Zum Beispiel einmal, da bin ich zu jemandem eingeladen worden, der wollte das ich zum Essen komme. Da war ein schiefes Regal. Es hing schräg an der Wand, und er wollte, das ich es abnehme und wegschmeiße. Aber ich hab' einfach eine Schraube genommen und einen Dübel. Hab' es wieder grade gemacht. Er sagte dann, das es ihm nicht mehr gefällt, und das ich es haben kann -" Damit deutete er auf ein kleines Regal, das über einer Kommode hing. "Und das ist es. Sieht doch noch brauchbar aus, oder nicht, hehe."
Die Zwerge nickten zustimmend.
"Ich glaub' ja," sagte Kalli etwas traurig, "das viele nur sagen, das was kaputt ist, obwohl es das nicht ist. Sie wollen es nur nicht mehr haben. Dann sollten sie sagen, das es ihnen nicht mehr gefällt. Aber sie sollen nicht lügen und behaupten, die Sachen wären kaputt. Das sind sie nämlich gar nicht."
Er kraulte das Hörnchen an den flauschigen Bäckchen, und es gab einen Laut von sich, der seltsam und niedlich gleichermaßen klang. 
"Drrrdrrrieeee."
"Und warum," fragte nun Rübe, "wolltest du schon immer alles heil machen?"
Kalli saß einen Moment still da und kraulte gedankenverloren das Hörnchen. Sein Blick war völlig entrückt. Dann begann er langsam zu erzählen (also noch langsamer, als er sowieso schon sprach):

 "Als ich noch ein kleiner Bub bin, da wohnen wir in der Stadt. Also einer richtigen Stadt, hehe, mit hohen Häusern, Kaufhäusern, vielen Autos und so. Meine Mutter arbeitet viel, und mein Vater beschwert sich oft, das sie nie zu Hause ist, wenn er von der Arbeit kommt. Und das sie zu viel noch zu Hause arbeitet. Schreibkram und sowas, hehe. Und als ich so fünf oder so bin, da streiten sie dann nur noch. Sie schreien. Mutti schreit, das sie eben arbeiten muss, für die Wohnung, für Strom und für mich. Weil ich ja noch ein Kind bin. Und weil sie mehr Geld bekommt als Vati ist es besser, wenn sie viel arbeitet, und er sich um mich kümmert." Kalli seufzte schwer. "Aber er kümmert sich nicht so um mich. Er sitzt beim Mittag, trinkt eine Flasche Bier, raucht eine Zigarette. Guckt mich nicht an. Redet nicht mit mir. Und nach dem Essen stelle ich das Geschirr in die Spüle. Ein Teller ist mal kaputt gegangen, hehe, und den hab' ich dann auf mein Zimmer mitgenommen. Hab' ihn geklebt. Und dann gespült und in den Schrank gestellt. Au weia. Mutti und Vati haben nicht gestritten an dem Abend, als es noch eine Stulle gab, sie waren aber sauer auf mich. Vati sagte: 'Warum hast du denn den kaputten Teller nicht weggeschmissen? Dummer Junge!' Und Mutti schüttelt nur den Kopf, weil ich so dumm bin. Sie haben den Teller weggeschmissen. Ich bin nachts augestanden und hab' ihn aus dem Mülleimer geholt. Hab' ihn wieder geklebt und in meinem Zimmer versteckt, hehe.
Und dann war da noch das Buch. Vati war so wütend, das er ein paar Seiten rausgerissen hat. Ich war nie gut im Lesen, und ich weiß nicht mehr, was es für ein Buch war. Aber ich hab' die Seiten dann wieder reingeklebt. Hab' das Buch auch versteckt, hehe. Und auch später immer hab' ich alles geklebt oder noch später dann Schrauben genommen, Nägel, Dübel, Muttern und Werkzeuge auch. Klar, ohne Werkzeuge kann man ja nichts reparieren. Hehe. Als ich dreizehn war, hat Mutti dann Vati verlassen. Ich musste bei Vati bleiben, Mutti sagt, sie wird noch verrückt mit mir. 'Muss der immer alles reparieren! Von wem hat der das nur?' Vati meint dann, das ich das von ihm nicht haben kann. Natürlich nicht, er macht ja nichts mit mir. Spielt auch nie mit mir.
Also hab' ich einfach immer alles heil gemacht, alles repariert. Nur Mutti und Vati nicht. Und mich auch nicht. Ich bin wohl unterwegs auch kaputt gegangen."

Das waren wahrhaft weise, wie auch traurige Worte. Und Kalli fuhr fort:
"Als ich dann erwachsen war, bin ich weggegangen, hehe. Hierhin. Ein schöner Ort. Hier hab' ich auch immer alles repariert. Wenn jemand was nich' mehr haben wollte, haben sie's mir mitgegeben. Ich hab' alles aufgehoben."
Die Zwerge hatten das schon beim Eintritt in sein Häuschen bemerkt. Es war vollgestopft von oben bis unten mit allem möglichen Kram. Ob es abgewrackte Möbel waren, alte Farbtöpfe, Geschirr und Kochtöpfe, die sich auch in anderen Zimmern als nur der Küche stapelten, ganze Türme von Büchern, doch auch einfach Regalbretter, Kisten und Kästen voller Schrauben, Nägel und Dübel, ausgediente Elektronikgeräte - hier wurde wirklich alles aufgehoben.
"Aber sehr viele rufen mich, wenn ich was ganz machen soll. Ich kann auch Fernseher und Radios reparieren, ich kümmer' mich um die Rohre, Spülautomaten, Musikautomaten, Öfen, Herde, mache Möbel wieder ganz, hehe. Ich hab' immer was zu tun."
Die Zwerge nickten anerkennend, und Braka merkte würdigend an:
"Du bist echt clever! Und wie man sieht, mögen dich ja auch alle. Wir haben nur Gutes über dich gehört, Kalli. Wirklich keiner hat ein schlechtes Wort fallen lassen."
"Ja, hehe," lachte Kalli wieder nasal, "alle mögen mich. Ich mag auch alle!"
Er stand ein wenig schwerfällig auf, schlurfte in die Küche (die man kaum als solche hätte erkennen können, gäbe es hier nicht den einzigen Kühlschrank des Hauses), griff den Wasserkessel und schenkte, zurück im Wohnzimmer, nochmal einen Schuss heißen Wassers in die Teetassen. Auch brachte er einen Teller Kekse mit, den er herumreichte, damit jeder sich bedienen konnte.


"Ich hab' viele Jahre gedacht, ich wär' nicht nur dumm sondern auch verrückt," sagte er dann. 
"Wieso das? Denn Kalli, du bist ganz und gar nicht dumm!" sagte Pony.
Kalli gestand seufzend: "Ich hab' immer wieder eine Stimme gehört. Nich' so klare Worte, als würd' einer mit mir reden, hehe. Aber ich dachte zuerst, als ich noch ein Bub war, das es aus dem Radio kommt oder dem Fernseh'n. Hehe. Später kam die Stimme immer wieder und immer öfter. Ich dachte einfach, ich bild' mir das nur ein. Verrückt eben, wie meine Eltern gesagt haben."
Er seufzte wieder, doch diesmal klang es erleichtert.
"Seit heut' weiß ich aber, das es Fanny war. Und das ich nicht blöd bin im Kopf."
Er streichelte das Hörnchen, das er nun ins einen Armen hielt. Das Hörnchen, offensichtlich hieß es Fanny, gab wieder diesen seltsamen und witzigen Laut von sich. Ihre Augen wurden fast riesig, so schön fand sie es, das sie nun bei Kalli war. Endlich. Die beiden so glücklich zu sehen machte den Abschied von diesem schlichten und aufrichtigen Gemüt leichter.



2 Kommentare:

  1. Was für ein lieber Typ! Er war als Junge schon so süss und lieb, und hat das nie verloren. Er will immer helfen, und war sich selber immer treu. Das ist einfach wundervoll! 😍

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    1. Das stimmt allerdings. Ich mag Kalli auch total. Er ist ein herzensgutes Wesen! So erfüllt davon, anderen zu helfen und alles zu kitten, was je zu Bruch ging. Ich bing glücklich, das er seine Fanny gefunden hat. Die beiden werden bestimmt sehr glücklich zusammen! 💖

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